Alphamännchen

Zur Abwechslung mal wieder was mit Medien: taz-Autor Jan Feddersen hat für ein Buch über „Alpha-Journalisten 2.0“ das Blogosphären-Darling Stefan Niggemeier porträtiert. Feddersen besucht die „Denk- und Schreibzentrale von Bildblog„, um seinen John Connor des deutschen Journalismus zu treffen. Das Ergebnis passt: Zur taz, zu Niggemeier, zum deutschen Kumpeljournalismus.

Der David der Medienwelt hat sein Büro in einer früheren Metzgerei.

Der Goliath zu David Niggemeier ist natürlich die „Bild“, wahlweise auch deren Chef Kai Diekmann. Feddersen erhebt die Kreuzberger Metzgerei kurz zur Zentrale des „Widerstands gegen den Springer-Journalismus“, zur „Aufklärungsagentur gegen das mächtigste Boulevardmedium der Republik“. Das nette Alphatier darf sich der Bewunderung des Besuchers sicher sein. Im Lead wird Niggemeier gleich zu einem „der unerschrockensten Journalisten der Republik“.

Wird in diesem Parterreanwesen quasi fortgeführt, was Günter Wallraff in den 1970er-Jahren zu publizistischem Ruhm führte?

Niggemeier dürfte das gefallen. Ich kenne ihn nicht persönlich. Mein Eindruck ist allerdings, dass ostentative Bescheidenheit und Selbstzweifel seine Eitelkeit nicht ganz verdecken können. Niggemeier ist eine Rampensau, wenn auch eine der leiseren Töne. Er ist durchaus der gute Journalist, als der er beschrieben wird. Er kann schreiben und ist manchmal sogar wirklich witzig. Seine Sachen in der FAS lese ich teilweise ganz gerne, manchmal auch sein Blog, obwohl mich da die ganzen Claquere nerven, die ihrem Stefan völlig unkritisch huldigen. Dito beim Bildblog.

Der Bildblog-Mann legt Wert auf journalistische Grundsätze, sagt er selbst. Wenn er eine Chance hatte, den Feddersen-Text vorher zu lesen, wäre ihm aufgefallen, dass ihm der taz-Mann einen Erfolg zuschreibt, den andere erarbeitet haben. Als Niggemeier die Bankhofer-Geschichte in seinem Blog aufnahm, hatte er noch brav seine Quellen genannt: Stationäre Aufnahme und Boocompany. Bei Feddersen wird der Bankhofer-Job im Nebensatz zu einem Ausweis für Niggemeiers Mut, sich mit den Mächtigen und Großen anzulegen. Der Gebauchpinselte dementiert das nicht.

Hat er nicht Angst vor all den großen Namen – vor Springer, vor Broder, vor jenen, die einen Vitaminpromotor wie Hademar Bankofer beschäftigen, der medizinische Weisheiten verkündet, deren Haltlosigkeit Niggemeier ebenfalls enthüllte, auf dass der sogenannte Fernsehdoktor in der ARD nicht mehr praktizieren konnte?

Angst? Wovor? Dass Diekmann ihm seine Bluthunde vorbeischickt? Einer Hausfrau würde ich auch nicht raten, sich mit der Bild anzulegen. Aber Niggemeier ist Medienjournalist. Er weiß, was er tut. Er kennt das Spiel, ist gut eingebunden und abgesichert. Ist das mutig? Mutig ist, in Russland über Wirtschaftskriminalität zu recherchieren.

Sich an der Bild-Zeitung abzuarbeiten, sie zu entlarven, ist eine Königsdisziplin des kritischen Teils des schreibenden Gewerbes.

Sich an der Bild-Zeitung abzuarbeiten ist vor allem so 90ies. Das unsympathische am Bildblog ist, dass es aus einem Gutmenschen-Konsens heraus fest von seiner eigenen Wichtigkeit überzeugt ist und ihm jegliche ironische Selbstbetrachtung abgeht. Das gilt natürlich auch für die Fans: Bildblog is preaching to the converted. Ein Erfolgsfaktor des Unterfangens ist meiner Ansicht nach, dass es ein paar sehr deutsche Eigenschaften anspricht. Bildblog ist die Fleißarbeit eines Überzeugungstäters und hat damit was Obsessives. Dass die Journalisten ausgerechnet Niggemeier für Alpha halten, sagt viel über die Branche.

Alle Zitate: Feddersen.

4 Antworten

  1. Da kann man nur zustimmen. Als ob die „Bild“ überhaupt eine Referenz wäre! Erst recht nicht für Geschriebenes. Und auch nicht für ein Medium (WWW), das, statt einer Einbahnkommunikation zu frönen, schon lange mit Gegenverkehr lebt.

  2. […] Unaufgeregter, präzise und stilsicher schreibt das Blog “A Better Tomorrow” über die Rampensau Niggemeier und den deutschen […]

  3. Hey, hast echt eine Spitzenseite. Würde mich freuen wenn wir uns gegenseitig verlinken könnten🙂 Kannst mir ja einfach schreiben,falls interesse besteht. Werde Dich auf jedenfall erstmal in meine Favoriten aufnehmen

    LG
    Campori

  4. […] vermuten, dass Stefan Niggemeier mit der taz sehr wohl zusammengearbeitet hat und befreundet ist. Eine Hand wäscht die andere. Kumpeljournalismus. Hier werden Legenden gestrickt und das schlimme an der ganzen Geschichte ist eigentlich, dass […]

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