Mitte-Nutten

Nein, nicht die Damen mit den grell lackierten Fuck-Me-Boots, die aus der Ukraine oder Weißrussland kommend, von ihren Pimps an der Oranienburger Straße abgestellt werden. Ich meine die Jungs und Mädels aus der Kleinstadt, die mit ihren nur ein bisschen zu unordentlichen Frisuren und dem MacBook unterm Arm jegliche Haltung gegen ein angebliches Boheme-Dasein im ehemals spannendesten Viertel der Republik eingetauscht haben.

Auch wenn man sie immer noch in Scharen antrifft, bei irgendwelchen Meetings für prekär unterfinanzierte Projekte sitzen sie im Laden du Jour auf der Kastanienallee oder Alten Schönhauser, sind sie nicht allein. Mitte müssen sie sich mit in vergangenen Jahren zugezogener Halb-Elite und den zahlreichen Teilnehmern von Klassenfahrten, Kneipentouren und Sightseeings teilen. Das neue Establishment lebt längst abseits des Trubels im südlichen Prenzlauer Berg mit der Kleinfamilie komfortabel von einem doppelten Lehrergehalt.

Diese Mischung aus Mitte-Boys, Medienfuzzis und Halbpromi-Läden macht den Bezirk zur Todeszone. Es gibt ein paar nette Ecken, in die ich sofort wieder ziehen würde, aber die neuen Bewohner haben die Mieten ganz schön nach oben getrieben. Da wird es auch für die Boheme langsam eng, die rasende Gentrifizierung hat den Bezirk voll im Griff, die Verdrängung in weniger schicke Gegenden längst eingesetzt.

Ich bin Mitte der 90er in die Rosenthaler Vorstadt gezogen, als sich da noch kein Schwabe hingetraut hat. Die hatten gerade damit angefangen, die Altbauten um den Kollwitzplatz zu sanieren und da die Ost-Mieter zu verdrängen. Die rasende Entwicklung des Bezirks zum Schicki-In-Viertel hat nur wenige Jahre gedauert. Über die Zeit sind immer mehr Vorwende-Bewohner weggezogen, die Autos auf der Straße wurden fetter.

Jetzt schmeckt Mitte nach Plastik. Die Touristen bekommen von den Bewohnern eine routinierte Vorstellung geliefert, wie Berlin in den 90er Jahren war. In Mitte wird jeden Abend das gleiche Stück über die goldenen Zeiten aufgeführt, inszeniert von ein paar Veteranen, die den Absprung nicht geschafft haben. Provinztheater, gegeben von höheren Töchtern und Söhnen, die während des Studiums ein bisschen wildes Leben schnuppern wollen, bis sie ihren Berater-Job bei Accenture antreten.

Foto: Axel Kuhlmann, Creative Commons BY NC ND

2 Antworten

  1. ich glaube berlin ist ernsthaft reif für einen neuen thackeray …

    diese dauernde hackordnungsdisskussion nimmt immer unterhaltsamere züge an.

    was für bis ins mark erschütterte prekäre identitäten entwickeln eine solche abgrenzungsmanie.

    und dann dieser ganze geschmacksstalinismus …

    gentrifizierung ist ein problem, brennende porsches sicher eine gute möglichkeit der mietpreisstablisierung, aber sie ist die dreifelderwirtschaft klassischer metropolen.

    lustig finde ich auch immer das bashen der neuankömmlinge.
    man überlege nur für einen moment was für ein unglaublich langweiliger und in seinem eigenen ranzigen saft gärender ort, berlin, london, new york etc. wäre ohne die schwaben, bielefelder,poor cornfed things from kansas …

    so spannend sind die urberliner jetzt wirklich nicht um es mal sehr wohlwollend zu formulieren, aber sie gehören zum stück genauso wie die mitte boys, die türkischen transen, die polen, schwaben, sonstigen kreuzprenzelhainze und wilmersdorfer witwen … alles personal der aufführung.

    berlin wird langsam eine weltstadt mit allen nebenwirkungen, ja klar waren die neunziger prima, vor allem die erste hälfte … aber niemand konnte doch ernsthaft glauben das bliebe so?

  2. Ich will hier gar nicht die Pornoschwaben-Debatte aufwärmen. Klar gehören die dazu. Auch ich bin mal von irgendwoher in die große Stadt gekommen (nicht aus Schwaben, soviel Abgrenzung muss sein). Das Neuberliner-Bashing gab’s damals auch schon. Wer dann selbst ein paar Jahre da war, durfte mitbashen. Toll.

    Natürlich kommen die 90er nicht wieder (das ist ja das schöne, diese Zeit war einmalig). Und jetzt weiterentwickeln bitte, nicht nur immer dieselbe Retro-Nummer abziehen, sondern mal was Neues spielen.

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