Last Edition in Mitte

Da ist man mal ein paar Tage nicht da und dann passiert sowas. Conde Nast muss die Vanity Fair ausgerechnet dann schreddern, wenn ich das nicht angemessen würdigen kann und der Nachwuchs zwar pflichtschuldigst finalisiert, dabei aber ein bisschen maulfaul ist. Generation Twitter? Vielleicht hilft Ritalin.

In Zeiten der Krise sinkt die Halbwertzeit von unbedingten Managerbekenntnissen zu ihrem Portfolioschrott dramatisch gegen Null. Conde-Nast-Erbe Jonathan Newhouse hatte noch im Dezember eine Bestandsgarantie abgegeben: „Es gibt keinen Grund, Vanity Fair nicht weiterzuführen. Es ist unsere erfolgreichste Marke.“ Wenige Wochen später scheint er endlich einen guten Grund gefunden zu haben: Die Krise. Wie originell.

Nach der aktuellen Ausgabe ist Schluss. Die gute Nachricht überbrachte Newhouse der Redaktion angeblich persönlich. „Es ist ein Schock, wenn ein exzellentes Magazin geschlossen wird“, soll er gesagt haben. Die Schockwellen werden durch die schnieken weißen Redaktionsräume in bester Berliner Mitte-Lage gegangen sein, doch exzellent war an der dort von 80 Leuten (Hallo Berliner Medien-Prekariat!) produzierten VF gar nichts. Da kann Newhouse noch so standfest behaupten, das Blatt sei eine „herausragende Publikation“ gewesen, die „einen wichtigen journalistischen Beitrag“ geleistet habe.

Zu was? Zu einem der folgenschwersten Missverständnisse der deutschen Publizistik. Bernd Runge, der deutsche Statthalter von Condé Nast, hat das Projekt der deutschen Vanity Fair mit einem Etat von angeblich 50 Millionen Euro angeschoben und damit zu verantworten. Runge hat offensichtlich weder das berühmte US-Mutterblatt regelmäßig gelesen noch Toby Youngs mäßig amüsanten Insider. Er holte sich einen echten Doktor mit Ambitionen für das Blatt, der aber schon vor der ersten Ausgabe schon die ersten Probleme hatte.

Dr. Ulf Poschardt, nicht nur zu meinem Erstaunen mit der Leitung dieses Projekts betraut, hatte schon im Januar 2007 ein paar Lücken in den eigenen Reihen zu füllen, nachdem ihm einige der handverlesenen Edelfedern gleich wieder von der Fahne gegangen waren. „Unterschiedliche Auffassungen“ heißt es dann immer. Dabei hätten die das vorher wissen können. Was ausgerechnet der ehemalige (und jetzt wieder) Chefredakteur der altlinken Stadtpostille „Zitty“ bei Poschs glossy Mitte-Porno für die „Mover und Shaker“ wollte, weiß wohl nur Matze Kalle selbst.

Poschardt hat den selbstgestellten Anspruch der bundespolitischen „Relevanz“ nie einlösen können, zu mehr als ein paar Halb-Skandälchen, an die sich heute niemand mehr erinnert, hat es nicht gereicht. Ein Jahr hat sich Runge das angeguckt, dann die Notbremse gezogen und Poschi vor die Tür gesetzt, wo ihn die Welt am Sonntag aufgelesen hat. Irgendwo kommen sie aller immer wieder unter. Dann übernahm der Glamour-Chef das Ruder in den weißen Redaktionsräumen Unter den Linden und damit war klar: Die VF ist ein Society-Glossy unter vielen, und sie sollte nie was anderes sein.

Was für ein Missverständnis. Offenbar haben weder Runge noch Poschardt oder Glamour-Mann Nikolaus Albrecht (dem der Verlust der Executive-Funktion mit einem Frühstückskorrespondentenjob in NYC versüßt wurde) jemals verstanden, was die US-Ausgabe der Vanity Fair eigentlich ist. Dabei ist das nicht so schwer. Zumindest ist sie kein Weekly und kein Klatschblatt wie die Intouch.

Zwischen den ganzen Celebrity- und Consumerism-Fluff schmuggelt die nicht unumstrittene Chef-Ikone Graydon Carter immer wieder seitenweise erstklassigen Reportagejournalismus. Leider hat sich Condé Nast für den deutschen Ablager eher die italienische Vanity Fair zum Vorbild genommen und so einen Bastard aus Max (in der Stern-Phase), Bunte und FHM geschaffen. Das Monster war nicht lebensfähig.

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