Business as usual

Vier Monate nach ihrem umrühmlichen Ableben sorgt Gruner’s Kampfblatt für besserverdienende Friseure „Park Avenue“ nochmal für ein kleines Skandälchen in Medienkreisen. Anlass für die mittlere mediale Erregungswelle ist eine voll olle Kamelle: Ein inzwischen ergänzter Blogeintrag der Huffington Post vom vergangenen Juli, der sich über den exklusiven Zugang der Park-Avenue-Autorin Steffi Kammerer zu Michelle Obama wundert. Die ließ daraufhin über ihr Team mitteilen, mit Kammerer nie gesprochen zu haben.

Aufgefallen ist das diesseits des Atlantiks nicht weiter. Lanu hat’s heute ausgegraben (Update: Gerade fische ich einen anonymen Hinweis auf die Huffpo-Geschichte aus dem Spam-Folder, Dank an ‚George Orwell‘). Was folgt ist ein Possenspiel deutscher Journalistendarsteller: Turi2 greift die Geschichte auf, Meedia schreit „Ente“ und Turi rudert mit einem winselnden „Sorry“ zurück. Während sich Lanu laut lachend zurücklehnt und das armselige Stück zu genießen scheint, möchte ich ausnahmsweise mal Niggemeier zitieren: Geht bitte sterben.

Kammerers ehemaliger Chefred Andreas Möller wittert „gezielte Rufschädigung“ und wirft sich gegenüber Meedia in die Brust. „Wir haben nie und an keiner Stelle den Eindruck erweckt, dass ein Exklusiv-Interview stattgefunden habe“, diktiert Möller und Meedia-Chef Georg Altrogge schreibt es brav auf und springt dem Gescholtenen zur Seite: Niemand habe das schließlich behauptet. Auch Turi reicht das, um sich vor Möller in den Staub zu werfen: „Nicht stichhaltig und veraltet“.

Steffi Kummer? Aber nicht doch, Frau Kammerer ist preisgekrönt. Dabei gibt Möller unumwunden zu, dass sich die im Impressum als „Reporter at Large“ geführte Edelfeder den Mehrseiter über Mrs. Obama weitgehend zusammengegoogelt hat. Kammerer war wohl bei Veranstaltungen, hat aber nie direkt mit Obama gesprochen und die Quotes aus anderen Quellen übernommen. „Handelsübliches Vorgehen“ nennt Möller das, was seiner Meinung nach auch „andere Premium-Magazine“ machen, auf Anfrage von Meedia.

Damit beweist Möller zunächst eine offenbar weitgehende Unkenntnis des Journalismus anglo-amerikanischer Prägung, der es mit dem Sourcing von direkten Zitaten ziemlich genau nimmt. Nicht nur der, übrigens, denn auch hierzulande wurde mal an Journalistenschulen gelehrt, dass bei Zitaten davon auszugehen ist, dass sie einer direkten Begegnung entstammen, und wenn nicht sie bitte in einen Zusammenhang zu bringen sind.

Das wirkliche Problem ist aber, dass Möller und seine Apologeten an solchen Ausflügen an die Borderline nichts Anrüchiges finden und ihr „Business as usual“ für völlig OK halten. Die „Wir haben das gar nicht behauptet“-Verteidigung greift nur soweit, dass die Kummer-Steffi das auch nicht explizit geschrieben hat. Aber jede Zeile ihres langen Stückes suggeriert eine Intimität, die es nicht gegeben hat. Verstärkt wird das noch durch Möllers Editorial, in dem Kammerer Frau Obama „sehr nahe gekommen ist“.

Es stimmt schon, wie Meedia schreibt, dass solche Versuche, die Borderline zu dehnen, auch für den ausbleibenden Erfolg von Magazinen wie Park Avenue oder Vanity Fair verantwortlich zu machen sind. Und dass es leider nicht unüblich ist. Dass aber es Kollegen wie Altrogge und Turi dehalb nicht so schlimm finden, zeigt den miesen Zustand dieser Branche. Denn es ist nicht nur „medienpolitisch unkorrekt„, lieber Herr Altrogge. Es ist Leserverarschung und billiger Schmierenjournalismus, für den man sich schämen sollte, und wegen dem die ganzen Drecksblätter keiner mehr kaufen will.

Priceless:

(Kommentar bei Meedia)

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