Bernd

Mein Mund steht immer noch offen. Nach dem Amoklauf in Winnenden sägt der deutsche Medienzirkus mit Verve weiter am eigenen Ast. Die Vorstellung, die unsere Aushängeschilder des Journalismus in den vergangenen 48 (und ein paar Zerquetschte) Stunden gegeben haben, war eigentlich kaum noch zu unterbieten. Bis dann die Polizei kam, mit einem Chatprotokoll unterm Arm. Pwned by Bernd.

Bernd ist bei dem deutschen Imageboard Krautchan das, was Anonymous bei 4chan ist. Das sind die eher seltsamen Gefilde des Interwebs, in denen aber immerhin sowas wie eine Art spontane Anti-Scientology-Bewegung entstehen kann. Auf Krautchan soll also Tim K. seinen Amoklauf angekündigt haben. Sagte die Polizei, auf die sich dann wohl der Herr Minister verlassen hat, der das in einer Pressekonferenz erzählte. Pech nur, dass das offenbar nicht stimmt.

Man kann den Medien nicht vorwerfen, dass sie den Informationen vertrauen, die ihnen von den Behörden gegeben werden. Man muss ihnen vorwerfen, dass sie diese Falschinformation am Abend immer noch verbreiten, obwohl längst substanzielle Zweifel an der Story aufgekommen sind. Es ist absolut nicht vertretbar, dass die Geschichte noch erste Meldung der Tagesschau um 20 Uhr ist, obwohl das unmissverständliche Dementi des Boardbetreibers schon seit dem Nachmittag bestand.

Auch wenn man dem Betreiber von Krautchan nicht spontan Glauben schenken will, hätten die Medien zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen und weiter recherchieren müssen. Zum Beispiel jemanden fragen, der sich damit auskennt und ihnen hätte erklären können, dass so ein Imageboard keine besonders verlässliche Quelle ist. Doch erst, nachdem die Polizei jetzt dementiert – nach 21 Uhr -, gehen die ersten „Zweifel“ über die Agenturen. SpON und Co. haben schon vorher angefangen, vorsichtig zurückzurudern und zeigen nun mit dem Finger auf den Minister.

Die Medien glauben zu viel von dem, was ihnen erzählt wird, sei es nun von Behörden, wie in diesem Fall, oder von Unternehmen und anderen Interessengruppen. Ihre Aufgabe ist, solche Informationen zu filtern und zu bewerten. Der kommen sie immer weniger nach, weshalb Falschmeldungen und Spin immer leichter durchdringen.

Mit ein bisschen mehr natürlicher Skepsis, die zum Handwerkszeug jedes Journalisten gehören muss, hätte ein Kontrollbesuch des Boards, als es noch nicht offline war, die Geschichte erledigt. Aber dafür war keine Zeit. Die Medien waren zu sehr damit beschäftigt, der nächsten heißen News hinterherzujagen und ihre Counterstrike-Legenden zu stricken. Niggemeier nennt das Pöbeljournalismus und hat zurecht Probleme mit den Amok-Klickstrecken.

Klicks und Geschwindigkeit ist nicht alles, Leute. Wenn ihr eine Zukunft haben wollt, die ihr ja im Qualitätsjournalismus seht, dann darf euch sowas nicht passieren. Auch nicht in der Hektik: Gerade so ein Ereignis fordert den Schritt zurück, einmal durchatmen und jedes Wort auf die Goldwaage legen. Dann nennt man den Twitter-Account vieleicht auch nicht „Amoklauf„, Herr Wegener. Aber Sie haben sich ja heute nicht alleine blamiert.

German Media: Epic Fail. Und die Bernds von Krautchan? They did it for the lulz.

Eine Antwort

  1. […] Lesen, lesen, lesen… « […]

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