Chasing Ambulances

Vorgestern lief im dritten Programm des NDR, wie jeden Mittwoch, ZAPP, das voll investigative Medienmagazin, mit Journalistenschelte wegen Winnenden, aber ohne angebrachtes Tagesschau-Bashing. Hatten wir schon. Heute nun kommt so langsam die Debatte um ethische Grundsätze der Journaille in Gang, mit wohfeilen Vorschlägen wie einer freiwilligen Selbstverpflichtung der Medien.

Nett gemeint, wird nur leider nicht funktionieren.

Dagegen spricht die Ökonomie der Branche. „Ich hab Verständnis für alle Kollegen. Die müssen ihren Job machen, die müssen was abliefern, weil irgendwo in den Sendern und Agenturen Auftraggeber sitzen“, sagt der erfahrene Fernsehreporter Anton Jany, der fürs ZDF aus Winnenden berichtet. Dann fallen die entscheidenden Sätze: „Wir alle sind fast alle freie Mitarbeiter. Und wir haben alle einen Riesendruck.“ Jany ist noch zuversichtlich, dass sich die Meute irgendwie auf irgendwelche Grundsätze besinnen kann.

Doch diese Leute, die einen Riesendruck haben, sind nicht immer herkömmlich ausgebildete und in ethischen Betrachtungen sattelfeste Edeljournalisten. Der Zuschauer hat vielleicht die Illusion, dass die Sender da mit ihren eigenen Leuten auflaufen. Doch kommen da ambitionierte Blondchen, die sich eine Kamera nehmen, einen Typen der sie bedienen kann, mit einem SNG vorfahren und sich Reporter nennen. Sie stehen im Wettbewerb mit vielleicht gut ausgebildeten Journalisten, die sich an ihre Ethik-Kurse noch erinnern können, aber auch eine Familie zu ernähren haben.

Die Teams drehen Material, das sie dann den Sendern verkaufen. Und verkaufen können sie nur, was neu ist. Deshalb kämmen die Reporter-Armadas so eine ehemals beschauliche Kleinstadt wie Winnenden nach verwertbaren News durch und lassen keinen Stein auf dem anderen. Abnehmer finden sie für den Schrott immer, gerade in Zeiten, in denen es auch den Privaten nicht so gut geht. Doch sollte man nicht nur mir dem Finger auf RTL zeigen, auch die Öffentlich-Rechtlichen gehören zu den Kunden dieser Ambulance Chaser, seit sie mit den Schmuddelsendern in Quotenwettbwerb getreten sind. Und wo ein Markt ist, wird es ein Angebot geben.

Die Chancen stehen also nicht schlecht, dass der skrupellose Fernsehfuzzi, der den Fuß in der Tür irgendeiner Winnendener Mutti hat, mit GEZ-Dollars bezahlt wird.

Update: Der Fernsehfuzzi wird mit GEZ-Dollars bezahlt.

Eine Antwort

  1. Und das ethisch fragwürdige Material verkauft sich offensichtlich gut, und wird auf allen medialen Kanälen ausgeschlachtet. Für die Klickraten in diversen Online-Ablegern scheint es sich offensichtlich zu Rentieren…
    Wie kann da jemand mit „Selbstverpflichtung“ kommen? Das klappt ja schon beim Pressekodex nicht, wenn sich die Herren und Damen allein an diesen (Mindest-)standard gehalten hätten, wäre ja beinahe alles gut gewesen.
    Die Schelte „von Journalisten für Journalisten“ wird sich bei den ‚Klicks‘ sicher auch nicht negativ auswirken. Vermute ich einfach mal😉

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