Kiewel, Kerner, Kohl

Nun also auch Anja Kohl. Über die einträglichen Nebenjobs der eigenwilligen Börsenexperten der ARD war vor zwei Wochen in der „Jungen Welt“ zu lesen (jetzt auch bei Carta und den Ruhrbaronen). Kohl moderiert demnach nicht nur die Börsennachrichten der ARD, sondern auch Veranstaltungen von Verbänden und Unternehmen. Darunter auch Firmen, die in der ARD Gegenstand ihrer Berichterstattung sind.

Das an sich ist noch kein Skandal. Aber es ist problematisch. Und es wird um so problematischer, weil Kohl nicht alleine damit ist, sondern nur Teil eines gut funktionierenden Systems. Fernsehleute, auch und gerade die aus dem seriösen Nachrichtenfach, und eitle Rampensäue aus anderen journalistischen Bereichen setzen ihre Prominenz jenseits ihrer Hauptbeschäftigung gewinnbringend ein. Kohl wird laut Artikel von einer Agentur für 7800 Euro plus Spesen vermittelt.

Andrea Kiewel stand bei Weight Watchers auf der Lohnliste und plappert über das tolle Abnehmprodukt unter anderem bei Kerner, der sein Idealschwiegersohngesicht im nächsten Werbeblock für Fluggesellschaften, Mineralwasser und Geflügelwurst in die Kamera hält. Mr. Tagesschau Jan Hofer moderiert den Trendtag in Hamburg und wird das vermutlich nicht aus Nächstenliebe tun.

Sie alle finden daran nichts ehrenrühriges. Einen Interessenkonflikt will auch Kohl nicht sehen. Soll heißen, dass sich ihre Engagements nicht auf ihre journalistische Arbeit auswirken. Das stimmt vermutlich sogar. Denn keiner ihrer Auftraggeber wird den Moderationsjob mit der Forderung verbinden, kein böses Wort mehr über das Unternehmen hören zu wollen. Das System funktioniert subtiler.

Der Interessenkonflikt ist da, auch ohne direkt nachweisbare Einflussnahme. Das blenden Kohl, Kerner und Konsorten gerne aus. Im Nachrichtenfach, das sich Frau Kohl als Hauptberuf ausgesucht hat, geht es aber vor allem darum, dass schon der Anschein einer möglichen Einflussnahme vermieden werden muss. Dabei sind Privatgigs für Dax-Konzerne sicher nicht hilfreich.

Das Beispiel Kiewel zeigt auch, wie nachsichtig gerade die Öffentlich-Rechtlichen mit denen umgehen, die erwischt werden. Da läuft der Fernsehgarten mal nicht mehr so prall und Kiwi zeigt pflichtschuldigst Reue – prompt darf die beliebte Moderatorin nach einer kurzen Denkpause wieder ran. Im Fall Kohl ist nicht einzusehen, warum sie nicht fest angestellt ist und so zumindest Rechenschaft über ihre Nebentätigkeiten ablegen müsste.

Dabei ist es auch aus einem ganz anderen Grund unredlich: Die Prominenz, die Kerner und Konsorten verwerten, verdanken sie einem nicht unwesentlichen Teil öffentlich-rechtlichen Sendern. Ihre Karrieren sind mit Gebührengeldern aufgebaut worden. Jetzt haben sie es geschafft, kassieren ab und weisen Kritik daran arrogant zurück. Ein bisschen mehr Rechenschaft darf der Gebührenzahler von öffentlich-rechtlichen Sympathieträgern schon erwarten.

Aber lassen wir Kerner mal in Ruhe. Diese schon im Ansatz problematischen Zweiteinkünfte gibt es auch unterhalb der Promi-Ebene in den Niederungen des Feld-, Wald- und Wiesen-Journalismus: Freie, die aufgrund der lachhaften Honorare parallel PR-Jobs fahren; Redakteure, deren Reisen von Unternehmen bezahlt werden; das Testgerät, das nicht zurückgefordert wird; Journalistenpreise von der Industrie.

Das alles muss im Einzelfall nicht dramatisch sein. Viele Journalisten passen da tatsächlich auf, und innerhalb der Redaktion gibt es Sicherheitsmechanismen. Ein bisschen mehr Transparenz, nicht nur nach innen, wäre allerdings wünschenswert. Denn wenn der Eindruck ensteht, das System verfaule von innen, dann hat der Journalismus ein echtes Problem. Das Internet ist nichts dagegen.

4 Antworten

  1. und da hab ich mich noch vor ca 2 Wochen gewundert, warum diese Frau Kohl in einer Talkrunde Banken und Börsen so vehement gegen jede Kritik verteidigte. Ihre Versuche muteten zwar reichlich hilflos weil unglaubwürdig an, aber die mußte ständig dazwischenquaken, wenn einer der anderen Gäste das tolle System angriff.
    Kein Wunder. Wes Brot ich freß des Lied ich sing.

  2. @Harald:
    Was war das für eine Talkrunde?

  3. Es ist zwar zwei Monate her, nicht Wochen, aber vielleicht meint er die NDR-Talkshow vom 27. März.

  4. Danke für den Hinweis!
    Anja Kohl hat auch an anderen Stellen Wirtschaftsakteure derart verteidigt. Sie wurde im Dezember auch mit dem Mittelstandspreis ausgezeichnet, der von dem Informationsdienstverlag „markt intern“ verliehen wird. Auf der Seite von „markt intern“ (http://www.markt-intern.de/presse/recherche/mi-in-den-medien.html) heißt es: „Einsatz und Kreativität zugunsten des Mittelstandes wurden ihnen (Michael Glos und Anja Kohl, M. O.) bescheinigt.“

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