Delusions of Grandeur

narzissmus

Diese Bloggerin, die sich in dem peinlichen Werbespot mit einem geliehenen Baby singend auf der Picknickdecke räkelt, hat keine Lust mehr. Sie zieht sich aus der virtuellen Welt zurück in ihren ganz realen Schmollwinkel. Das ist ihr gutes Recht. Sie zeigt dabei aber auch Symptome einer Grundstörung, unter der mindestens zwei Drittel der sogenannten Blogosphäre leiden.

Narzissmus ist nicht nur übersteigerte Selbstliebe nach antikem Vorbild, es gibt auch die psychopathologische Ausprägung. Der Doktor spricht von einer „narzisstischen Persönlichkeitsstörung“, und die scheint mir in der Generation Upload weit verbreitet zu sein. Das gilt nicht nur für besagte Dame, sondern auch ihre meinungsfreudigen Kritiker da draußen.

Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung behandeln andere Menschen gerne wie den letzten Dreck. Zugleich zeigen sie selbst null Toleranz für Kritik oder Widerspruch; statt damit konstruktiv umzugehen, sind sie eher Anhänger der Doktrin des massiven Gegenschlags. Oder sie ziehen sich zurück und suchen sich neue Fans, die weniger Widerworte geben und mehr knuddeln.

Ohne diese Diagnose jetzt 1:1 auf den oben genannten Fall übertragen zu wollen, teilt unsere beleidigte Werbe-Prominente mit dem Rest der Generation Narzissmus immerhin ein enormes Mitteilungsbedürfnis. Diesen Drang, etwas zu sagen, ohne etwas zu sagen zu haben. Diese Chuzpe, sich selbst für interessant zu halten. Delusions of grandeur.

Das funktioniert, weil man in der deutschen Blogosphäre mit harmlosen Niedlichkeiten durchaus reüssieren kann. So wie der alte Mann vom Fluss seinerzeit mit seinem Jamba-Histörchen. So wie unsere Bloggerin mit ihren süßen Comix. Immerhin ist das eine kreative Leistung. Doch niedlich reicht den Meisten – ist die Generation Upload der Generation Golf doch zu ähnlich, um Substanz zu schätzen.

Eine echte Auseinandersetzung mit den wenigen Produkten dieser Blogosphäre, die einer eingehenden Beschäftigung würdig wären, findet meistens nicht statt. „Toller Text“, loben die Claquere die jeweils aktuellen Nichtigkeiten ihrer angehimmelten Bloggötter. Da trollen die immer gleichen Fanboys (und Girls und was auch immer) in den Kommentarspalten ihrer Helden herum und beißen alles weg, was nicht mitjubeln will.

In so einem Klima kann keine Kommunikation entstehen. Vielleicht will das auch keiner, denn echte Kommunikation birgt immer Risiken: Dissens und Kritik. Das hat die narzisstisch gestörte Persönlichkeit nicht gerne. Vielleicht erklärt auch das den Rückzug ins Private. Den einer Persönlichkeit, die sich immerhin für bedeutend genug gehalten hat, um sich von irgendwelchen Agenturheinis an die Spitze der Bewegung stellen und ausbeuten zu lassen.

Auch die Werber propagieren den Mythos, dass diese sogenannte Blogosphäre was mit Kommunikation zu tun haben soll – allerdings mit eigener Agenda. Wie die Narzissten wissen auch die Werber nicht, wie man wirklich miteinander redet. Im Agentursprech wird der Begriff der Kommunikation eingleisig entwertet; Werber schreien ihre Zielgruppe permanent an, hören aber nie zu. Dabei helfen bewusstseinsverändernde Substanzen und eine psychosoziale Störung.

Der Mix war also nicht gut. Doch gezwungen hat die Protagonisten niemand, auch nicht unsere junge Mutti. Kurz stand sie ganz vorne, oben, um dann festzustellen, dass es dort ganz schön ungemütlich sein kann. Sie wendet sich ab und ihrer heilen kleinen Familienwelt zu. Da wo echte Beziehungen gepflegt werden.

Draußen, da ist nur ein Haufen Gestörter.

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