Ugly Corporate Pigs

Ausgerechnet George Orwell. Die bekannte „Ironie des Schicksals“ beschreibt nur unzureichend, was man getrost als den schwersten PR-Gau in der Geschichte des sonst ach so kundenfreundlichen und netzaffinen Online-Händlers Amazon bezeichnen kann. Der US-Konzern hatte E-Book-Fassungen von Orwells „1984“ und „Animal Farm“ von der Kindles zahlender Kunden einfach wieder gelöscht, weil der Anbieter der E-Books diese nicht lizenziert hatte. Das Customer-Feedback war eindeutig: „Amazon, Why Don’t You Come In Our Houses And Burn Our Books Too?“

The Closer ist eine ganz nette Fernsehserie. Serie heißt, dass einzelne Folgen in regelmäßigen Abständen im Fernsehen laufen. Sollten. Denn irgendwie muss den Verantwortlichen bei Vox das Verständnis für dieses Konzept abhanden gekommen sein. Das kann passieren, wenn die Personalabteilung auch für Kreativposten nur Juristen und Betriebswirte einstellt. Vox nämlich hat die Ausstrahlung der dritten Staffel im vergangenen Jahr aus unerfindlichen Gründen irgendwann abgebrochen, trotz ordentlicher Quoten. Jetzt soll ab September erstmal die vierte Staffel laufen, die restlichen Folgen der dritten kommen irgendwann. Dass die Serie neben den in den Folgen behandelten Fällen auch einige kontinuierliche Erzählstränge hat, ist den Senderjuristen wohl entgangen.

Das hat beides auf den ersten nicht viel miteinander zu tun. Doch weisen diese Geschichten auf ein Grundpoblem der sogenannten Content-Industrie hin: Der Kunde ist ihnen scheißegal. Und noch eins: Die Fixierung der Industrie auf ihre Verwertungsrechte von gestern funktioniert in der globalisierten und digitalisierten Welt von heute nicht mehr – oder zumindest nur noch zum Nachteil des Kunden.

Wenn Amazon seine Kindle-Plattform nicht im Griff hat und dort unlizensierte Angebote zulässt, ist das zunächst einmal Amazons Problem. Statt das mit dem nicht lizenzierten Anbieter zu klären, wälzt der Online-Riese das lieber auf das vermeintlich schwächste Glied in der Kette ab, den Käufer. Der wird damit Opfer eines völlig aus dem Ruder laufenden Urheber- und Verwertungsrechts, an dem unter maßgeblicher Lobbyarbeit der Medienkonzerne immer weiter gedreht wird.

Urheber- und Verwertungsrechte sollen ein ausgewogenes System bilden, dass der Öffentlichkeit Zugang zu geschützten Werken ermöglicht und dabei die Interessen der Schöpfer dieser Werke schützt. Es geht beim Copyright also um beides: Zugang und Schutz. Die Content-Industrie hat es in der Vergangenheit trefflich verstanden, den Schutzrechteaspekt auszubauen und gleichzeitig Zugangs- und Nutzungsmöglichkeiten weitgehend ihrer Kontrolle zu unterwerfen und zu beschränken.

Das versucht die Industrie auch weiterhin, nur ist das in einer globalisierten und digitalisierten Welt schwer. Deshalb greift sie auch zu drakonischen Maßnahmen wie Amazon. Die orwellsche Kindle-Affäre ist ein Paradebeispiel für ein völlig aus dem Ruder laufenden Digital Rights Management (DRM). Doch in dem Bemühen, alte Rechte und Gewohnheiten gegen neue, disruptive Techniken zu verteidigen, treibt die Branche auch zahlungswillige Kunden den illegalen Alternativen geradezu in die Arme.

Im Zeitalter vor der Globalisierung, vor Bittorrent, MP3 und DivX hatte die Entertainment-Branche ihre Profitmaximierung vor allem dem ausgeklügelten System von regionalen, temporären und medialen Verwertungsfenstern zu verdanken. Durch die Kontrolle der Vertriebsmittel konnten sich die Industrie die Welt aufteilen, in Regionalcodes, Verwertungsfenster und Release Schedules.

Die Globalisierung gilt hier nur für die eine Seite: Die Industrie darf ihre Produkte herstellen und vertreiben, wo und wie sie will. Gleichzeitig schreibt sie uns vor, wann, wo und wie wir diese Produkte konsumieren dürfen, um Verwertung und Profite zu maximieren. Dann ist ihr allerdings das Internet dazwischen gekommen.

Disruptive Technologien bringen gerne mal ganze Wirtschaftszweige durcheinander, können auch mal den Tod eines Geschäftsmodells bedeuten. Deshalb heißen sie so. Der natürliche Weg, damit umzugehen, ist Anpassung. Doch die Content-Industrie versucht den Spagat: Von den neuen Verwertungsmodellen, die diese Technologie ermöglicht, zu profitieren und gleichzeitig die alten Verwertungsmodelle unter Einsatz aller verfügbaren Mittel zu schützen.

Wenn Warner Bros. und Vox weiter meinen ihren Kunden weltweit vorschreiben zu müssen, wann und wie sie The Closer sehen, dann dürfen sie sich nicht wundern, wenn diese zu den Alternativen greifen: Die sind sofort erhältlich und zwar auch mit einigen technischen Hürden versehen, aber im Preis unschlagbar. Während beim Preis mit der Pirate Bay schwer zu konkurrieren ist, könnte die Industrie bei der Verfügbarkeit echte Punkte machen.

Damit kriegt sie den dauersaugenden Teenie ohne nennenswertes Sozialleben natürlich nicht. Aber einem nicht unbedeutenden Teil der Konsumenten, die sich gelegentlich im Netz versorgen, dürfte ein einfaches und legales Angebot ohne irgendwelche Einschränkungen durchaus erreichen. iTunes kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein, sondern nur ein Anfang. Es ist eigentlich ganz einfach.

Das Bild zeigt eine Szene aus der Musical-Aufführung von „Animal Farm“ am West Yorkshire Playhouse.

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