Archive for Oktober 2009

Links
30. Oktober 2009

Mein gesamtes politisch bewusstes Dasein habe ich mich stets links eingeordnet. Ich bin im aufgeklärten linksliberalen Post-68er-Milieu aufgewachsen, in einem klassischen SPD-Haushalt, in dem Teile irgendwann zu den Grünen abgewandert sind. Es war immer klar, das links die einzig mögliche Orientierung ist. Das gesamte soziale Umfeld, von der Schule bis in Studium und darüber hinaus, ist immer auch links gewesen. In meiner Generation gehört es zum guten Ton, links zu sein.

Heute fällt mir diese Standortbestimmung schwer. Was ist schon links? Che? Mao? Rudi Dutschke? Ist Claudia Roth links? Müntefering? Ist Labour-Mann Peter Mandelson noch links? Oder Günter Wallraff? Die taz? Links ist Oskar Lafontaine. Sagt er zumindest. Auch Sarah Wagenknecht ist links. Andrea Nahles vielleicht. Ist ein Gesetz zur Filterung von Netzinhalten, beschlossen von der SPD, links? Ist Autos anzünden in Kreuzberg links? In der Blogosphäre — würde ich sagen — sind es viele. Aber ist links, was Malte Welding da macht?

Links ist vor allem auch das: rückwartsgewandt, humorlos, festgefahren, arrogant, selbstgerecht, phantasielos, obrigkeitshörig, verbohrt, innovationshemmend, ignorant, realitätsfremd, diskursfeindlich, dumm. Links ist das neue konservativ. Deshalb habe ich ein Problem. Ich verorte mich politisch immer noch in der gleichen Ecke. Mein ethisches Koordinatensystem ist durchaus noch intakt. Aber ich will mich im linken Mainstream, der längst eine gesellschaftliche Leitfunktion übernommen hat, nicht wohl fühlen.

Das ist ein Milieu, das sich seiner eigenen Überlegenheit zu sicher ist. Unbequeme Positionen, die alte Gewissheiten in Frage stellen, werden hier nicht gerne gesehen. Das Beispiel Sarrazin zeigt, dass in der Linken nur noch die Reflexe funktionieren. Das eigene Projekt ist viel zu wichtig, als dass man es an der Realität abgleichen würde. Die Linke lebt vor allem von der Abgrenzung zum politischen Gegner und der ständigen Selbstvergewisserung der eigene Überlegenheit. Dabei haben wir Probleme, die auch die linken Patentrezepte nicht zu lösen in der Lage waren und sind. Schade, dass man mit den meisten Linken darüber nicht reden kann.

Westend
29. Oktober 2009

Kommende Ereignisse werfen ihre Schatten voraus.

Neger
26. Oktober 2009

Wallraff begreift es nicht. Mit seiner jüngsten „Undercover“-Aktion beschädigt der „Journalist“ nicht nur sein in Teilen immerhin respektables Lebenswerk, sondern er demaskiert sich selbst. Wallraff geht es vor allem auch um Wallraff. Und der ist irgendwo in den 80ern stecken geblieben.

Wallraffs neue Nummer versagt gleich auf mehreren Ebenen. Als eitler weißer Mann mit ein bisschen Schuhwichse im Gesicht maßt er sich an, die Erfahrungen von Dunkelhäutigen in Deutschland nachvollziehen zu können. Dabei gibt er in bester Kolonialherrenmanier den wilden Buschneger und geht den Leuten ziemlich auf den Sack.

Damit kommen wir zum zentralen Konstruktionsfehler dieser „Enthüllungsgeschichte“: Wallraffs Maskerade ist so durchsichtig, dass sie wohl nur bei minderbemittelten Landeiern zieht. Oder eben als Maskerade enttarnt wird und deshalb abweisende Reaktionen hervorruft. Er schießt sich damit selbst in den Fuß.

Wenn der Gutmenschenjournalist die ganze Aufregung und sie Kritik aus der Black Community nicht versteht, empfehle ich einen Blick über den großen Teich. Dort gab es jüngst eine heftige Auseinandersetzung über Fotos in der „Supermodel“-Ausgabe der französischen Vogue. Schwarze Models sucht man darin vergeblich, dafür gibt es ein weißes Mädchen schwarz getüncht. Aus rein „künstlerischen“ Gründen natürlich.

Ob sich Wallraff über die Vogue erregt hätte? Für das Verständnis der historischen Topoi „Blackface“ und „Minstrel“ jedenfalls reichen seine 68er-Sensibilitäten nicht.

Oldies
19. Oktober 2009

Alte Leute sind ein Problem. Das traut sich heutzutage kaum jemand so auszusprechen. Und wenn es doch jemand wagt, wie gewisse junge Konservative, fällt die Seniorenkamarilla über sie her. Wie kann man nur. Wo bleibt der Respekt vor der Lebensleistung, den Erfahrungen, dem Aufbau dieses Landes. Und überhaupt. (mehr …)