Links

Mein gesamtes politisch bewusstes Dasein habe ich mich stets links eingeordnet. Ich bin im aufgeklärten linksliberalen Post-68er-Milieu aufgewachsen, in einem klassischen SPD-Haushalt, in dem Teile irgendwann zu den Grünen abgewandert sind. Es war immer klar, das links die einzig mögliche Orientierung ist. Das gesamte soziale Umfeld, von der Schule bis in Studium und darüber hinaus, ist immer auch links gewesen. In meiner Generation gehört es zum guten Ton, links zu sein.

Heute fällt mir diese Standortbestimmung schwer. Was ist schon links? Che? Mao? Rudi Dutschke? Ist Claudia Roth links? Müntefering? Ist Labour-Mann Peter Mandelson noch links? Oder Günter Wallraff? Die taz? Links ist Oskar Lafontaine. Sagt er zumindest. Auch Sarah Wagenknecht ist links. Andrea Nahles vielleicht. Ist ein Gesetz zur Filterung von Netzinhalten, beschlossen von der SPD, links? Ist Autos anzünden in Kreuzberg links? In der Blogosphäre — würde ich sagen — sind es viele. Aber ist links, was Malte Welding da macht?

Links ist vor allem auch das: rückwartsgewandt, humorlos, festgefahren, arrogant, selbstgerecht, phantasielos, obrigkeitshörig, verbohrt, innovationshemmend, ignorant, realitätsfremd, diskursfeindlich, dumm. Links ist das neue konservativ. Deshalb habe ich ein Problem. Ich verorte mich politisch immer noch in der gleichen Ecke. Mein ethisches Koordinatensystem ist durchaus noch intakt. Aber ich will mich im linken Mainstream, der längst eine gesellschaftliche Leitfunktion übernommen hat, nicht wohl fühlen.

Das ist ein Milieu, das sich seiner eigenen Überlegenheit zu sicher ist. Unbequeme Positionen, die alte Gewissheiten in Frage stellen, werden hier nicht gerne gesehen. Das Beispiel Sarrazin zeigt, dass in der Linken nur noch die Reflexe funktionieren. Das eigene Projekt ist viel zu wichtig, als dass man es an der Realität abgleichen würde. Die Linke lebt vor allem von der Abgrenzung zum politischen Gegner und der ständigen Selbstvergewisserung der eigene Überlegenheit. Dabei haben wir Probleme, die auch die linken Patentrezepte nicht zu lösen in der Lage waren und sind. Schade, dass man mit den meisten Linken darüber nicht reden kann.

4 Antworten

  1. Ich sah mich auch immer als links, obwohl mein ganzes Umfeld einen Rechtsdrall hatte. Meine Freunde haben immer nur Scheisse geredet und ich habe Kopfschmerzen bekommen. Aber bei den Linken kam ich nie rein, war ja kein Gymnasiast.

  2. Danke, das habe ich noch vergessen: Den unheimlichen Bildungs- und Standesdünkel des linken Milieus.

  3. […] Posted on 30. Juni 2010 by danieldaffke Vor einiger Zeit sprach dieser Blogger ein verbreitetes Unbehagen an. Sein ganzes Leben habe er sich politisch links eingeordnet, seit […]

  4. Da sind wir fast den gleichen Weg gegangen. Nur hat sich mein einstiges Zugehörigkeitsgefühl in enorme Abscheu verwandelt. „Links ist das neue konservativ“ triffts vielleicht ganz gut. Je mehr ich mich mit diesem Milieu beschäftige, dest mehr könnte ich kotzen. Schade nur das es immer noch angesagter Lifestyle unter teens und jungen Leuten ist.

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