Archive for Mai 2010

Big Pharma
22. Mai 2010

Oliver Welkes Versuch einer News-Comedy à la Jon Stewart erfüllt meine Erwartungen ja leider meistens nicht. In der vergangenen Woche gab es allerdings eine Sternstunde deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens: Martin Sonneborn führt einen Pharma-Lobbyisten vor und entlockt ihm erstaunlich ehrliche Aussagen. Epic win, Pharma-Lobby owned.

Aber es gibt ein Nachspiel: Der Pharma-Lobbyist beschwert sich beim ZDF-Programmchef, und der macht den Kotau vor der Lobby und erteilt seiner Satire-Abteilung eine Rüge. Okay, die Scherzkekse haben nach journalistischen Maßstäben nicht ganz sauber gearbeitet. Aber müssen sie das? Ist ja schließlich Satire. Das ZDF hat halt keine Eier. Und scheint abgesehen davon keine Probleme damit zu haben, Lobby-Vertreter hübsch zu schneiden und ihnen auch sonst in den Arsch zu kriechen. Irgendwie müssen die ihre Prioritäten klar kriegen.

Während sich also der Geschäftsführer des Lobby-Vereins der Generika-Hersteller vor laufender Kamera zum Horst macht, steht im Hintergrund sein „Pressesprecher“ und gibt Kommentare ab. Der Mann hat eindeutig den falschen Job: Ein guter Presseheini schickt das Fernsehteam in dem Moment nach Hause, in dem Martin Sonneborn durch die Tür kommt. Aber der Lobby-Pressesprecher kannte den wohl nicht. Vielleicht hätten sie nicht einen Juristen für den Job nehmen sollen.

Ghetto-Prinz
19. Mai 2010

Boateng hat Recht: Es wird mit zweierlei Maß gemessen. Der Irrsinn, den die hiesigen Medien gerade um den Ausfall des deutschen Käptens inszenieren (samt Infografik ‚Ballacks Fußverletzung‚), zeigt das deutlich. Wenn Ballacks Berater jetzt mögliche juristische Konsequenzen ins Spiel bringt, ist die Grenze zur Groteske endgültig überschritten.

Um das vorweg zu klären: Boatengs Foul war rüde, unsportlich und darf nicht toleriert werden. Ich gaube ihm, dass er Ballack nicht verletzen wollte. Aber er wollte ihn legen. Es war ein grobes Revanchefoul, nachdem Portsmouths Midfielder kurz zuvor mit der Lichtgestalt des deutschen Fußballs aneinander geraten war. Der hatte ihm die Andeutung einer Ohrfeige verpasst. Nichts, was einen Weddinger Jung wie Boateng beeindruckt hätte. Aber eine Geste der Arroganz und des Hochmuts, wie wir sie von Ballack schon häufiger gesehen haben.

Spielt aber auch keine Rolle: Denn das, was in den deutschen Medien jetzt gerne als „Wischer“ verniedlicht wird, ist eine Tätlichkeit. Ballack hätte danach nicht mehr auf dem Platz sein dürfen. Zweierlei Maß: Ballacks Verhalten auf dem Platz wird kaum thematisiert. Es ist ja nicht das erste Mal, dass sich der Fußballstar daneben benimmt. Das soll Boatengs Sense nicht rechtfertigen, aber wenn man mich fragt: Ballack just had it coming.

Boateng, der ja nicht zum ersten Mal auffällig geworden ist, hätte natürlich auch direkt vom Platz fliegen müssen. Das gleiche gilt allerdings für Torsten Frings, und da sind wir wieder beim zweifachen Maßband. Der Bremer hatte im deutschen Pokalfinale mal wieder einen seiner sporadischen Ausraster. Bei Frings, der ja per Übereinkunft einer der in jeder Beziehung „Guten“ ist (was ich nie verstanden habe), heißt es dann „übermotiviert“.

Unbezahlbar: Schweinsteigers Gesichtsausdruck, als ihn der Bremer im Tiefflug von hinten umnietet. Frings hat nur Glück gehabt, dass nicht auch Schweini jetzt im Gips neben dem Trainingsplatz steht. Aber ist ja gutgegangen, und der Boulevard drischt sowieso lieber auf den Asi aus dem Wedding ein. Ein Nationalspieler darf sich da schon mehr erlauben. Podolski zum Beispiel, dessen Sicherungskasten genauso kurzschlussanfällig ist wie der von Prince aus dem Ghetto. Prinz Poldi darf dem Kapitän im Länderspiel eine langen und danach weiter das schwarz-weiße Trikot tragen.

Boateng wird auf seine Herkunft reduziert (siehe auch: 11freunde). Daran ist er selbst nicht ganz unschuldig. Trotzdem ist das Ghetto-Image nur ein griffiges Stereotyp, das der Boulevard gerne aufgreift. Und das linksliberale Feuilleton guckt zwar etwas genauer hin, kann den exotistischen Blickwinkel aber nie ganz ablegen. Der Zeit-Artikel (via Jens Weinreich) über die Jungs von der Panke leidet zwar an sozialdemokratischem Lower-Class-Kitsch, ist aber trotzdem lesenswert. Darin klingt kurz ein anderes Problem an: dass in der Nationalmannschaft nur noch Milchschnitten spielen.

Ich sähe den Ghetto-Prinzen gerne wieder bei Hertha BSC.

Wahre Worte XI
18. Mai 2010

Auto-Tune ist ja irgendwie auch der Untergang des Abendlandes.
– my significant other, im TV läuft Jay Sean ft. Lil Wayne

Absteiger
12. Mai 2010

„Absteiger, Absteiger“, hallt es durch das vollbesetzte Olympiastadion. Gerade hat Hertha zwar den Ausgleich erzielt. Aber hier, schräg gegenüber der Ostkurve, hört man nur die Bayern-Fans, die gefühlt in der Überzahl sind. Mit ein paar anderen mürrischen Herthanern sitze ich inmitten rot-weißer Glückseligkeit. Der Bayernfan aus Pankow neben mir hat schon glasige Augen. „Warum bist’n du für Hertha, du bist doch gar nicht von hier“, fragt er. Er hat sofort erkannt, dass ich ein Zugezogener bin. Auch wenn das vor zwanzig Jahren war und ich seit über fünfzehn Jahren zu Hertha gehe, hat ihn das nicht überzeugen können. Dass er ja auch kein Bayer ist, irritiert ihn seltsamerweise nicht.

Meine Hoffnungen auf eine anständige Abschiedsvorstellung in der ersten Liga haben sich nicht erfüllt. Mit ein paar Ausnahmen – etwa Kobiaschwili, Pisczek, Ramos – wirkten die Berliner lustlos und ausgebrannt. Ein Großteil der Mannschaft schien mit dem Kapitel Hertha BSC schon abgeschlossen zu haben. Da war kein Wille spürbar, den Fans im letzten Spiel dieser desaströsen Saison noch einmal etwas zu bieten, etwas zurückzugeben für die bedingungslose Unterstützung während der vergangenen Monate. Die Ostkurve blieb entsprechend still, nur ab und an setzten sie den lärmenden Bayern etwas entgegen. Aber sie zeigten Größe und blieben im Stadion, als der Meister seine Trophäe in Empfang nahm.

Nach dem Abpfiff, während die Münchner ausgelassen auf die Übergabe der Schale warteten, machte sich eine Handvoll Herthaner auf den Weg in die Kurve, kam aber nicht über die Grundlinie heraus und drehte dann in Richtung Kabine ab. „Wir haben auf dem Weg zu den Fans gemerkt, dass es keine positiven Reaktionen auf die Verabschiedung geben wird. Darum haben wir umgedreht“, wird Arne Friedrich wenig später der BZ erklären. Was hat er erwartet? Den Fans wird es kaum helfen, dass der Nationalverteidiger ihre „Enttäuschung verstehen“ kann. Er geht nach Wolfsburg, sie in die zweite Liga.

Da unten ist es übrigens gar nicht so schlimm. (mehr …)

Smallville
9. Mai 2010

Sie nimmt den Salat. Das dürre Ding sieht so aus, als würde ihr essen keinen Spaß machen. Sie bestellt ein typisches Damengedeck, Salat mit irgendeinem Dressing und vielleicht noch ein bisschen Geflügel oder drei gegrillten Shrimps. Man fragt sich, warum sie überhaupt essen geht, mit ihrem Typen. Der trägt zeitgemäßen Gesichtsflaum und eine Buddy-Holly-Brille. Und er ist sichtlich stolz auf seine knochige Freundin, sie passt in eine 32. Ihre schlaffen kleinen Brüste hängen unter dem T-Shirt wie ein paar benutzte Filtertüten. Sie trägt keinen BH.

Am Nebentisch lässt sich eine Runde Erstsemester nieder. Sie haben gerade die niederbayrische Provinz verlassen und studieren in der norddeutschen Provinzmetropole BWL. Den vom Dorffriseur mit Muttis Billigung nicht mehr ganz so akkurat angefertigten Schwiegersohnschnitt haben sie mit etwas Frisiercreme zu einer verwegenen Beckham-Tolle geformt. Der Kragen ihres Rugby-Polos ist hochgeklappt. Drei von fünf trinken Bananenweizen, die anderen vertragen gar keinen Alkohol.

Es ist einer der ersten schönen Tage in diesem kalten Frühling. Auf der Terrasse sitzen die ersten Gäste, eingemummelt in zu dünne Decken. Hier draußen ist jetzt mehr los als früher, als man drinnen noch rauchen durfte. Zwei Studentinnen unterhalten sich über ihre Zukunft. Sie stehen kurz vor dem BA. Was mit Medien soll es danach sein, wohl eher kein Master. Es macht Spaß, bei irgendwas dabei zu sein und dann darüber zu schreiben, sagt die eine. Sie macht das ab und an für die Lokalzeitung und hält das für eine Karriereoption. Beide bestellen noch eine Weinschorle.

Das Essen kommt. Size Zero stochert lustlos in ihren Salatblättern rum. Sie bestellt ein stilles Wasser. Auch der Typ hat Grünzeug bestellt und isst einhändig. Er redet nicht viel. Wenn er doch was sagt, dann in sein iPhone. Wenn das Ding klingelt quatscht er ein paar Minuten mit irgendwelchen Kumpels über dies und das. Er redet und lacht zu laut. Seine Freundin langweilt sich. Sie könnte da am Tisch verhungern, er würde es nicht merken. Ich möchte sie füttern.

Soundtrack: Smallville (Bazooka Joe)