Absteiger

„Absteiger, Absteiger“, hallt es durch das vollbesetzte Olympiastadion. Gerade hat Hertha zwar den Ausgleich erzielt. Aber hier, schräg gegenüber der Ostkurve, hört man nur die Bayern-Fans, die gefühlt in der Überzahl sind. Mit ein paar anderen mürrischen Herthanern sitze ich inmitten rot-weißer Glückseligkeit. Der Bayernfan aus Pankow neben mir hat schon glasige Augen. „Warum bist’n du für Hertha, du bist doch gar nicht von hier“, fragt er. Er hat sofort erkannt, dass ich ein Zugezogener bin. Auch wenn das vor zwanzig Jahren war und ich seit über fünfzehn Jahren zu Hertha gehe, hat ihn das nicht überzeugen können. Dass er ja auch kein Bayer ist, irritiert ihn seltsamerweise nicht.

Meine Hoffnungen auf eine anständige Abschiedsvorstellung in der ersten Liga haben sich nicht erfüllt. Mit ein paar Ausnahmen – etwa Kobiaschwili, Pisczek, Ramos – wirkten die Berliner lustlos und ausgebrannt. Ein Großteil der Mannschaft schien mit dem Kapitel Hertha BSC schon abgeschlossen zu haben. Da war kein Wille spürbar, den Fans im letzten Spiel dieser desaströsen Saison noch einmal etwas zu bieten, etwas zurückzugeben für die bedingungslose Unterstützung während der vergangenen Monate. Die Ostkurve blieb entsprechend still, nur ab und an setzten sie den lärmenden Bayern etwas entgegen. Aber sie zeigten Größe und blieben im Stadion, als der Meister seine Trophäe in Empfang nahm.

Nach dem Abpfiff, während die Münchner ausgelassen auf die Übergabe der Schale warteten, machte sich eine Handvoll Herthaner auf den Weg in die Kurve, kam aber nicht über die Grundlinie heraus und drehte dann in Richtung Kabine ab. „Wir haben auf dem Weg zu den Fans gemerkt, dass es keine positiven Reaktionen auf die Verabschiedung geben wird. Darum haben wir umgedreht“, wird Arne Friedrich wenig später der BZ erklären. Was hat er erwartet? Den Fans wird es kaum helfen, dass der Nationalverteidiger ihre „Enttäuschung verstehen“ kann. Er geht nach Wolfsburg, sie in die zweite Liga.

Da unten ist es übrigens gar nicht so schlimm. Als ich Anfang der Neunziger meine ersten Hertha-Spiele gesehen habe, dümpelte der Verein im Mittelfeld der zweiten Liga vor sich hin. Das war nicht immer schön – ein paar tausend Unentwegte, die sich im riesigen Rund des Olympiastadions verlieren, da kommt nicht so richtig Stimmung auf. Doch es gab auch Highlights: 92/93 die Derbys gegen TeBe, und 93 spielt sich Hertha II ins Pokalfinale – von der Osloer Straße übers Mommsen- ins Olympiastadion. In der Mannschaft waren einige dabei, die ein paar Jahre später unter Röber den Aufstieg schaffen: Fiedler, die Schmidts, Ramelow.

Vielleicht ist das eine Perspektive für den Neubeginn in der B-Liga: einige der jungen Wilden aus der zweiten Mannschaft ergänzen die paar erfahrenen Spieler, die aus der ersten Liga mit runter gehen. Glaubt man der Berliner Presse, sind das bisher Hubnik, Lustenberger, Kobiaschwili, Dardai will bleiben, eventuell auch von Bergen. Ramos könnte bleiben, Kacar, auch mit Raffael wird gesprochen. Sogar Drobny ist wieder im Gespräch, der Tscheche hat wohl noch kein Angebot aus der ersten Liga. Mit Tremmel soll man sich sonst schon einig sein, heißt es, auch keine schlechte Lösung. Im Hertha-Blog bringen sie für den Posten zwischen den Pfosten (Pling, Phrasenschwein) noch eine Alternative ins Spiel, die gute Erinnerungen weckt: Gabor Kiraly.

Die spannendste Personalie betrifft die Frage: wer nimmt auf der Trainerbank Platz? Funkel, obwohl auf dem Papier sicher keine schlechte Option für die zweite Liga, war weder den Fans noch den Berliner Medien mehr zu vermitteln und musste seinen Hut nehmen. Er muss sich an seinen eigenen Zielen messen lassen, die er nicht erreicht hat. Angetreten, die Hertha zu retten, steht am Ende der Abstieg auf dem Leistungszettel des Fußballlehrers: 4 Siege, 9 Unentschieden, 14 Niederlagen – 21 Punkte aus 27 Spielen. Auch selbst gesetzte Ziele hat Funkel verfehlt, den ewigen Minusrekord von Tasmania noch unterboten.

An Alternativen mangelt es zumindest in der Gerüchteküche nicht: Matthäus, Foda, Röber, Storck, Veh, Heine – bis auf Neururer wurde so ziemlich alles genannt, was auf dem Markt ist. Laut rbb ist die Auswahl inzwischen auf Oenning und Babbel verengt. Michael Preetz, mit Präsident Werner Gegenbauer vom rbb am Montagabend in ein ebenso interessantes (Witte) wie peinliches (Pohmann) Kreuzverhör genommen, dementierte laufende Verhandlungen mit Babbel mit einem klaren „Nein“. Die Entscheidung wird allerdings bald fallen, soviel ließ der Manager durchblicken.

Es bleibt die Ursachenforschung. Wieso ist Hertha BSC, in der Saison 08/09 zeitweise zum Favoritenkreis für die Meisterschaft zählend, in der folgenden Spielzeit so jäh abgestürzt? Es dürfte schwer fallen, dafür einen einzelnen Schuldigen auszumachen. Es wurden eine Menge Fehlentscheidungen getroffen, auch von Favre und Preetz, der in der rbb-Sendung im Übrigen einige der derzeit öffentlich diskutierten Knackpunkte – Pantelic, Voronin, Transfergeld – wie ich finde einleuchtend erklärt hat. Der Kardinalfehler von Preetz aus meiner Sicht: Er hat Favre zu früh gefeuert.

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