Ghetto-Prinz

Boateng hat Recht: Es wird mit zweierlei Maß gemessen. Der Irrsinn, den die hiesigen Medien gerade um den Ausfall des deutschen Käptens inszenieren (samt Infografik ‚Ballacks Fußverletzung‚), zeigt das deutlich. Wenn Ballacks Berater jetzt mögliche juristische Konsequenzen ins Spiel bringt, ist die Grenze zur Groteske endgültig überschritten.

Um das vorweg zu klären: Boatengs Foul war rüde, unsportlich und darf nicht toleriert werden. Ich gaube ihm, dass er Ballack nicht verletzen wollte. Aber er wollte ihn legen. Es war ein grobes Revanchefoul, nachdem Portsmouths Midfielder kurz zuvor mit der Lichtgestalt des deutschen Fußballs aneinander geraten war. Der hatte ihm die Andeutung einer Ohrfeige verpasst. Nichts, was einen Weddinger Jung wie Boateng beeindruckt hätte. Aber eine Geste der Arroganz und des Hochmuts, wie wir sie von Ballack schon häufiger gesehen haben.

Spielt aber auch keine Rolle: Denn das, was in den deutschen Medien jetzt gerne als „Wischer“ verniedlicht wird, ist eine Tätlichkeit. Ballack hätte danach nicht mehr auf dem Platz sein dürfen. Zweierlei Maß: Ballacks Verhalten auf dem Platz wird kaum thematisiert. Es ist ja nicht das erste Mal, dass sich der Fußballstar daneben benimmt. Das soll Boatengs Sense nicht rechtfertigen, aber wenn man mich fragt: Ballack just had it coming.

Boateng, der ja nicht zum ersten Mal auffällig geworden ist, hätte natürlich auch direkt vom Platz fliegen müssen. Das gleiche gilt allerdings für Torsten Frings, und da sind wir wieder beim zweifachen Maßband. Der Bremer hatte im deutschen Pokalfinale mal wieder einen seiner sporadischen Ausraster. Bei Frings, der ja per Übereinkunft einer der in jeder Beziehung „Guten“ ist (was ich nie verstanden habe), heißt es dann „übermotiviert“.

Unbezahlbar: Schweinsteigers Gesichtsausdruck, als ihn der Bremer im Tiefflug von hinten umnietet. Frings hat nur Glück gehabt, dass nicht auch Schweini jetzt im Gips neben dem Trainingsplatz steht. Aber ist ja gutgegangen, und der Boulevard drischt sowieso lieber auf den Asi aus dem Wedding ein. Ein Nationalspieler darf sich da schon mehr erlauben. Podolski zum Beispiel, dessen Sicherungskasten genauso kurzschlussanfällig ist wie der von Prince aus dem Ghetto. Prinz Poldi darf dem Kapitän im Länderspiel eine langen und danach weiter das schwarz-weiße Trikot tragen.

Boateng wird auf seine Herkunft reduziert (siehe auch: 11freunde). Daran ist er selbst nicht ganz unschuldig. Trotzdem ist das Ghetto-Image nur ein griffiges Stereotyp, das der Boulevard gerne aufgreift. Und das linksliberale Feuilleton guckt zwar etwas genauer hin, kann den exotistischen Blickwinkel aber nie ganz ablegen. Der Zeit-Artikel (via Jens Weinreich) über die Jungs von der Panke leidet zwar an sozialdemokratischem Lower-Class-Kitsch, ist aber trotzdem lesenswert. Darin klingt kurz ein anderes Problem an: dass in der Nationalmannschaft nur noch Milchschnitten spielen.

Ich sähe den Ghetto-Prinzen gerne wieder bei Hertha BSC.

8 Antworten

  1. „Ich gaube ihm, dass er Ballack nicht verletzen wollte.“

    Einfach noch mal die Bilder anschauen und die Details würdigen:

    Der Ball war weg.
    Der Blick starr auf den Fuß, nicht auf den Ball.
    Die Stollen voran auf den Fuß gestiegen.
    Das Gewicht auf das zutretende Bein verlagert.
    Mit dem anderen Bein von hinten in Ballacks Beine.

    „Ich gaube ihm, dass er Ballack nicht verletzen wollte.“

    Ich nicht.

  2. Dann halt nicht.

  3. @fool

    Ist ja keine reine Glaubensfrage…😉

    Wie wäre es mit ein paar Gegen-Argumenten, bezogen auf die konkrete Spielsituation?

    Sieht es so aus, als wenn KPB den Ball spielen will?
    Warum schaut er auf den Fuß von Ballack, aber nicht zum Ball?
    Warum steigt er ihm mit vollem Gewicht auf den Fuß?
    Warum tritt er ihm mit dem anderen Bein von hinten in die Beine?

  4. Es ist eine Glaubensfrage, weil die TV-Bilder Raum für Interpretationen lassen. Aber bitte, hier ist meine:

    Sieht es so aus, als wenn KPB den Ball spielen will? – Ja, schließlich schaut er dem Ball nach.

    Warum schaut er auf den Fuß von Ballack, aber nicht zum Ball? – Weil der Ball den Bruchteil einer Sekunde zuvor genau da war: Am Fuß von Ballack.

    Warum steigt er ihm mit vollem Gewicht auf den Fuß? Warum tritt er ihm mit dem anderen Bein von hinten in die Beine?

    Weil er so angeflogen kommt – die Situation ist ja nicht gerade singulär im Profifußball. Er nimmt dabei in Kauf, Ballack grob zu foulen. Den Vorsatz, ihn auch zu verletzen, hatter er meiner Meinung nach nicht.

    Und der lässt sich auch aus den Bildern nicht ableiten, wenn man die ganze Empörung mal rausfiltert.

  5. Danke für die Antwort.
    We agree to disagree.

    Hatem

    P.S. Man kriegt den Kicker aus dem Wedding, aber nicht den Wedding aus dem Kicker…😉

  6. Okay.

    Abgesehen davon, ob man Boateng nun Tötungsabsicht unterstellen will oder nicht: Ist das Foul schlimmer, weil es Ballack getroffen hat und nicht irgendeinen armen Kicker aus der Kreisklasse? Ist das Foul deswegen schlimmer als alle anderen groben Fouls, die immer wieder passieren?

    Das Problem ist doch, dass in solchen Fällen die Empörungskurve zwar kurz steigt – in diesem Fall schwillt sie halt besonders an –, sich dann aber nichts ändert. Das nächste Foul kommt bestimmt. Dem genannten Podolski oder Karate-Kahn werden ihre Ausraster verziehen. Dabei könnten DFB und Fifa da leicht klare Kante zeigen und entsprechende Sanktionsmittel bereitstellen.

    Aber die sperren sich ja lieber gegen die Moderne – Stichwort TV-Beweis, der auch hier hätte helfen können. Dann wäre Ballack nämlich nicht mehr auf dem Platz gewesen, und Boateng höchstens eine Petze.

  7. Was das betrifft, stimme ich zu.

    Ich hab auch nie verstanden, warum Kahn immer so glimpflich davon gekommen ist.

    Oder Tim Wiese nach seinem Kung-Fu-Tritt, Stollen voran, gegen den Kopf von Ivica Olic.

  8. Übles Foul, natürlich Platzverweis, wäre aber in der Form nicht passiert, wenn die Schiris ihren Job gemacht hätten. So sehr es mir für Ballack leid tut, sein Milchschnittengekicke werden viele bei der WM nicht vermissen. Rumpelfußball mit oder ohne Ballack – is doch Wurscht. Wenn nicht gerade der Weddinger Vorzeigeasi, sondern ein weniger bekannter Schotte, o. ä. ihn umgesenst hätte, würde war auch viel geschimpft, aber dieses chauvinistische und rassistische Geblöke bliebe uns erspart. Und daß unsere Leidmedien ihre Schalmeien bis zum Aufeinandertreffen spielen werden ist eh klar.

    Die Ballacks und Co haben wohl wirklich bei vielen eine Art Freibrief, und wenn es dann doch mal einen wie Ribery vollkommen zu Recht trifft, verstehen sie die Welt nicht. Mir fallen da spontan Schumachers, Sammers, Kahns etc. ein.

    Deine Grenze zur Groteske wird aber schon seit Jahren in den unteren Klassen überschritten, und Kicker dort oft genug empfindlich wegen Körperverletzung verurteilt.

    Wie im richtigen Leben: Die Kleinen hängt man . . .

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