Gentrifizierung


Kollwitzplatz, damals. Foto: Michael Schultke

Ich bin schuld am Prenzlauer Berg. Beziehungsweise daran, dass der Prenzlauer Berg das ist, was er heute ist – ein Paradies für zugereiste Besserverdienende mit Familie und doppeltem Einkommen (oder auch nicht mehr doppelt). Eines der besseren Viertel der neuen Hauptstadt, in dem Berlin kaum noch zu erkennen ist und das überall sein könnte, vielleicht sogar in Hannover.

Ich bin schuld, weil ich Anfang der 1990er Jahre zur ersten Welle dessen gehört habe, was man heute Gentrifizierung nennt. Wir sind damals mit einer Horde Studenten, "Künstlern" und anderen Pennern in einen etwas heruntergekommenen und halbleeren Bezirk im neu erschlossenen Ostteil der Stadt gezogen und haben uns dort niedergelassen, Wohnungen renoviert und teils in Eigenarbeit die Hausinfrastruktur saniert. Eingeladen hat uns keiner, was uns die Eingeborenen anfänglich auch haben spüren lassen.

Damals nahm eine Entwicklung ihren Anfang, an deren Ende Bionade-Biedermeier und Town Houses stehen. Und ein Bezirk, der kaum noch wiederzuerkennen ist. Gentrifizierung wird das heute genannt. Der linke Kampfbegriff, der Gentrifizierung heute ist, beschreibt dabei nur die möglichen Schattenseiten: die Verdrängung der angestammten Bewohner, die Spekulation mit Immobilien. Dabei muss der Zuzug von urbaner Boheme nicht zwingend zu Verdrängung und unbezahlbaren Mieten führen. Das kann auch was Gutes sein: Eine kaputte Gegend wird durch Zuzug wieder lebenswerter.

Das könnte politisch sinnvoll gesteuert werden. Wenn in Berlin die Londonisierung beginnt, also normal verdienende Familien sich das Leben in den Innenstadtbezirken nicht mehr leisten können, müssten im Roten Rathaus alle Alarmglocken schrillen. Aber um die Normalsterblichen geht es in der aufgeladenen Debatte ja nicht. Der Gentrifzierungskritiker wirft sich lieber für die „sozial Schwachen“ in die Brust, um seine Interessen zu verteidigen. Die schweigende Mehrheit zieht um, wenn es ihr in der Innenstadt zu teuer wird. Bemerkenswert dabei ist, das ausgerechnet ein rot-roter Senat diese Entwicklung zulässt.

Diejenigen, die heute gerne mit dem Begriff Gentrifizierung operieren und die Debatte prägen, verkennen zwei Dinge: Zum einen war die Situation in der Ost-Berliner Mitte in den Neunzigern eine besondere und nicht zu vergleichen mit der, die heute in den als nächste Gentrifizierungsopfer auserkorenen Bezirken Wedding oder Neukölln herrscht. Der rasend schnellen Gentrifizierung, die Prenzlauer Berg und danach Mitte überrollte, hatten die Bezirke nicht viel entgegenzusetzen – sie standen halb leer. Dazu kam das Geld, mit dem Senat und Staat die Sanierung subventioniert haben. Das waren Katalysatoren, die den Prozess erheblich beschleunigt haben.

Zum Zweiten ignorieren die ganzen Gentrifizierungskritiker, die jetzt um ihre billigen Altbauwohnungen im Scheunenviertel, am Helmholtzplatz oder im Friedrichshain bangen, dass sie nicht Opfer, sondern Täter sind. Mit ihnen hat die unheilvolle Entwicklung, die sie nun zu verdrängen droht, erst angefangen. Sie sind, wie ich, Teil des Problems. Dem muss man sich stellen. Das gilt vor allem für die mutmaßlich mehrheitlich zugezogenen Szene-Jammerlappen in „Kreuzkölln“, die derzeit rumlamentieren, dass Touris und Zugereiste „ihren“ schönen Kiez kaputt machen.

Bei der Gentrifizierung von Wedding, Moabit und dem restlichen Neukölln wünsche ich übrigens viel Glück. Denn da wohnen schon eine Menge Leute, die da nicht so einfach weg können. (Und an die Immobilien-Haie ergeht der dezente Hinweis, dass bei der Gentrifizierung die Mieten steigen, nachdem die Viertel aufgewertet wurden, nicht umgekehrt.)

Das wird also nicht so einfach wie im Prenzlauer Berg, der die Schwaben wie ein Schwamm aufgesogen hat. Rund um den Kollwitzplatz ging das schon Mitte der Neunziger los. In Mitte, meiner nächsten Station, war noch etwas länger Ruhe. Heute ist das ein Zoo für Touristen, Medienfuzzis und Z-Promis, die sich da in einer Szene wähnen, die längst die Flucht ergriffen hat. Ich wohne nach einem Ausflug an den Rhein jetzt in Charlottenburg.

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