Restrisiko

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll: In Japan entfaltet sich eine Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes und der deutsche Politbetrieb ist in einer selbstferenziellen Spirale gefangen. Die Bundesregierung zeigt hektischen Aktionismus, sie wird dafür von Opposition und Hauptstadtjournaille gleichermaßen scharf angegriffen. Zweifel an der rechtlichen Grundlage des Moratoriums werden vorgebracht. Darf die das? Wahrscheinlich nicht. Ein vom Bundestag beschlossenes Gesetz einfach per Ordre de Mufti auszusetzen ist in einer parlamentarischen Demokratie ein unerhörter Vorgang. Die Aufregung ist sicher berechtigt. Aber gibt es Alternativen? Ich mag mir die hyperventilierenden Grünen und Roten kaum vorstellen, hätte Merkel erstmal die Füße stillgehalten und erklärt, es gebe keinen unmittelbaren Handlungsbedarf.

Jetzt muss sich die Kanzlerin vorwerfen lassen, sie wolle sich mit dem Moratorium nur über die wichtigen Wahlen der nächsten Wochen retten. Dabei scheint die Opposition tatsächlich zu glauben, sie sei der billigen Taktiererei völlig unverdächtig. Es ist abstoßend, dass ein SPD-Chef am Samstag vor laufenden Kameras zum Innehalten mahnt, nur um am Tag später voll in den Wahlkampfmodus zu schalten. Das Dilemma: Ich ahne, dass die Vorwürfe von SPD und Grünen trotz ihrer erbärmlichen Scheinheiligkeit im Kern zutreffen könnten. Zumindest bei Mappus, dem seine geistige Wende nicht mal mehr die eigenen Wähler abnehmen dürften, und dessen politische Karriere nach dem 27. März hoffentlich zu Ende ist.

Noch schneller als der Politbetrieb drehen sich die Medien. Nach dem schon am Sonntag von Anne Will gesetzten Tiefpunkt ging es weiter steil bergab in der deutschen Berichterstattung. Sind wir Deutschen wirklich so egozentriert, dass wir das Desaster in Japan nur unter dem Aspekt diskutieren können, was das für uns bedeutet? Fällt deutschen Journalisten im Ernstfall nichts anderes ein, als alle möglichen Experten und mehr oder weniger Betroffene vor die Kamera zu holen? Dabei kommt vor lauter Betroffenheit und Selbsbezogenheit die Information zu kurz.

Am schlimmsten hat es Spiegel Online getrieben, die weiter daran arbeiten, den ohnehin schon angeschlagenen Ruf des Mutterblatts endgültig zu ruinieren. Ist es von Journalisten zu viel verlangt, sich die Zeit für einen Text über die Funktionsweise von Kernenergie und den Aufbau eines Kernkraftwerks zu nehmen? Mit einem Minimum an Grundlage lassen sich die teils widersprüchlichen Meldungen der japanischen Agenturen und die Statements von Regierung und Kraftwerksbetreiber besser einordnen.

Aber wer den ganzen Tag arme Japaner aus den Trümmern ihres Hauses vor die Kamera zerrt oder reißerische Überschriften zu zusammengewichstem Agenturmaterial texten muss, hat natürlich für Recherche keine Zeit mehr. Dass es auch anders geht, zeigen die Auslandssender. Bei der BBC etwa herrscht eine angenehme Ruhe, keine hektische Aneinanderreihung hastig zusammengehauener Sondersendungen. Auch scheint man im Ausland nicht dermaßen auf den Atomunfall fixiert zu sein wie hierzulande.

In Berlin geht es jetzt um Sicherheitsmaßstäbe. Eine Renaissance erlebt der berühmte Flugzeugabsturz, dem wir nach 9/11 mit Rauchschleiern vorbeugen wollten. Abgesehen davon, dass es beim freundlichen Waffenhändler längst handliche Panzerabwehrraketen gibt, denen ein altes Kernkraftwerk nicht viel entgegenzusetzen hat, denkt hier auch die Opposition von der falschen Seite. Man muss jetzt keinen möglichst großen Knall konstruieren, weil es ein Mega-Beben mit Tsunami hier aller Wahrscheinlichkeit nicht geben wird.

Denn es können auch kleine Dinge sein, die eine unglückselige Kette von Ereignissen auslösen. Auf Three Mile Island waren es ein defektes Ventil, die Konstruktion des Anzeigesystems und eine Crew mit Tunnelblick, die den Reaktor an den Wand gefahren haben. Und Tschernobyl war eine im Wesentlichen von Menschen gemachte Katastrophe. Damals hieß es noch, bei uns kann sowas nicht passieren. Das Risiko sei so gering, dass sowas statistisch nur alle paar Tausend Jahre passiert. Ein minimales Restrisiko. Dieses Restrisiko realisiert sich gerade im KKW Fukushima.

2 Antworten

  1. Sehr guter Beitrag der so ziemlich genau meine Meinung widerspiegelt. Zur Berichterstattung: Die ersten Tage kamen bei ARD und ZDF jedes Mal wenn ich ein Experteninterview gesehen habe, ausschließlich Experten des „Öko Institut Darmstadt“ und von Greenpeace zu Wort. Das nenne ich mal ausgewogene „Expertenmeinungen“. Die haben natürlich auch jedes Mal den Verweis auf Dtl. nicht gescheut, selbst unmittelbar nach dem Beben. Man stelle sich mal vor, man hätte nur die Cheflobbyisten von RWE und EnBW etc. dazu befragt. Dazu noch ein mit Massive Attacks „Teardrop“ untermalter Katastrophen Trailer im ZDF, man möchte kotzen. Was ist mit unserer wunderbaren Nüchternheit passiert (so es die denn jemals gab)? Dazu noch Hetkemper der tagelang im Halbstundentakt aus Tokio berichtet das er nichts weiß und es eigentlich nichts Neues gibt. Zumindest die öffentlich-rechtlichen sollten sich von so einer widerlichen Inszenierung abwenden und sachlich-objektiv bleiben. Anscheinend ist das aber – zumindest partiell – zu viel verlangt.

  2. Das Stück mit Massive Attack im heute journal war echt ganz unten. Ich habe den Eindruck, dass den Leuten beim öffenrlich-rechtlichen Fernsehen inzwischen komplett die Selbstkontrolle abgeht, denen fehlt die Außensicht. Das kann schon mal passieren, wenn man sich für die absolute Elite hält.

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