Piraten

In ihrer Reaktion auf den überraschend deutlichen Erfolg der Piraten bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus zeigt sich einmal mehr, wie sehr die deutsche Journaille ein Teil des Politbetriebs geworden ist. Deutsche Politikberichterstatter sind offenbar nicht mehr in der Lage, außerhalb der engen Grenzen zu denken, die das Parteien-Establishment vorgibt. Eine Partei, die genau diese Grenzen sprengen will und damit auch anfängt, wird deshalb von der willfährigen Medienmeute gescholten (und mit abgeschmackten Metaphern beschrieben).

Schon geilt sich die Presse daran auf, dass sich die Piraten öffentlich über die Besetzung des Fraktionsvorsitzes zanken. Dem Maßstab der alten Parteien folgend wäre das eine Nachricht: Das Polit-Establishment zeigt sich in offiziellen Verlautbarungen immer als Einheit, um danach die massiven Differenzen in Hinterzimmergesprächen an die Journalisten „durchzustechen“. Die Piraten tragen ihren Disput nicht verdeckt aus und beweisen damit die Transparenz, die sie einfordern. Von den Medien wird das nicht honoriert: Wären alle Parteien so, bröckelt die Gatekeeper-Funktion der Hinterzimmerreporter weiter ab.

Es sind zu wenig Frauen auf der Landesliste. Das stimmt – und liegt sicher an verschiedenen Faktoren. Vielleicht duschen die Piraten-Jungs nicht oft genug. Was die mehrheitlich mittelalten Hauptstadtjournalisten, geprägt von einer Jahrzehnte währenden grünlackierten Sozialdemokratisierung, nicht verstehen können: Es gibt ein Leben ohne Frauenquote. Gleichberechtigung kann auch bedeuten, sich seinen Platz einfach nehmen zu können, ohne dass jemand von oben für ausgeglichene Verhältnisse sorgen muss.

Mann kann kritisieren, dass die Piraten das Milieu des gebildeten weißen Mittelstands-Nerds repräsentieren und damit alles andere als eine Volkspartei sind – wobei ich von der Journaille dann erwarte, dass sie bei SPD und CDU/CSU einmal genau hinschaut, wer da eigentlich wen repräsentiert. Die FDP repräsentiert ja mittlerweile eigentlichen niemanden mehr.

Und die Grünen sind die Partei der besserverdienenden Weltverbesserer. Schön, dass bei den Grünen auch Leute twittern und Bärbel Hohn auch Internet guckt. Leider haben sie davon total keine Ahnung. Sie sind die Partei der verspießten Eltern unserer jungen Piraten, die keinen Bock mehr auf Bevormundung haben, egal wie gut gemeint sie ist.

Die Alarmglocken schrillen deshalb vor allem bei den Grünen und der FDP: Die Piraten machen sichtbar, dass die Spontis von früher das Establishment von heute sind. Und dass die latent technikfeindlichen Ökopaxe auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nur Antworten aus den 80er Jahren haben. Und der FDP gehen die Piraten mit ihrer Interpretation bürgerlicher Freiheiten an den liberalen Kern, den Karrierepolitiker wie Westerwelle, Rösler und Lindner an Hoteliers verhökert haben.

Ob die Piraten auf Dauer wählbar sind, müssen sie jetzt beweisen. Eines sollten sie aber ganz schnell ablegen: Den herablassenden Habitus des Internetverstehers. Die Arroganz, die sie derzeit gegenüber Establishment und Medien an den Tag legen, steht ihnen nicht gut. Denn die jungen Herren mögen es sich nicht vorstellen können, aber das Internet haben sie nicht zuerst entdeckt. Die Pioniere des Netzes sind ein paar Jahre älter als sie, und verstehen auch was von dem Zeugs. Und sie können wählen gehen – auch wenn wir es nicht immer machen.

4 Antworten

  1. Mich stört weder die Geschlechterverteilung noch die als Unprosfessionalität mißverstandene Spontaneität der Piraten, im Gegenteil: wer für Transparenz eintritt, muß gerade auch Diskurse der Öffentlichkeit zumuten können.

    Ich habe vielmehr ein Problem damit, was das eigentlich für Leute sind. Jede Institution, jede Gruppierung, jeder Mensch hat doch irgendeine Philosophie – welche haben eigentlich die Piraten? Freiheit? Das reicht nicht aus für eine Philosophie. Freiheit ist wie elektrischer Strom, Chemie oder Macht – man kann gutes und schlechtes damit anstellen. Im Moment wird die Freiheit beschnitten, aber das löst noch lange keine sozialen Probleme.

    Und da fürchte ich, entwickelt sich eine kleine Neu-FDP vor unseren Augen. Natürlich sind die nicht so verfilzt, aber das kann ja noch kommen. Oder auch nicht, ist im Moment egal. Nur: was ist die Grundtheorie dieser Partei? Ich bin da mal gespannt.

    http://feydbraybrook.wordpress.com/2011/09/19/piraten-die-neue-fdp/

  2. Ha, eine differenzierte politische Aussage, die ohne größeres Feindbild auskommt und selbst Pro und Contra einbringen kann. Bravo. Schon die dritte in diesem Jahre, die ich lese. Langsam läßt sich auf diesem Planeten intelligentes Leben nachweisen.🙂
    Nur die Pauschalbreitseite gegen die Medien hättest du sauberer halten können: Die Mainstreammedien berichten selbstverständlich so, dass sie den Mainstream bedienen. Die alternativen Blogger berichten deutlich alternativ. Und die wenigen liberalen Kommentatoren tun das, was wir zwei auch tun: differenziert wahrnehmen, dass das Leben nicht so einfach schubladisierbar ist.🙂

  3. Das banale Verständnis von Freiheit / Datenschutz der Piraten ist m. E. infantil. Es ist zwar eine grobe Unterstellung meinerseits, aber nur um weiter kostenlos und straffrei weiterhin Musik und Filme runterladen zu können gründet man keine Partei.

  4. Chris und Feyd: Ob die Piraten Substanz über „das Netz ist frei (und kostenlos)“ hinaus haben, müssen sie jetzt zeigen. Sonst Sonst verschwinden sie halt wieder.

    Hadmar, so einfach will ich die Mainstream-Medien nicht davonkommen lassen. Nur weil sie den Mainstream bedienen sind sie nicht der Pflicht enthoben, auch mal ein bisschen nachzudenken.

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