Im Newsroom

Wie gerne hätte ich diese Serie gemocht. Jahrzehnte nach Lou Grant (und Jahre nach der 5. Staffel The Wire) mal wieder ein TV-Opus über die tägliche Nachrichtenproduktion. Für Journalisten ist das wie Porno: man muss einfach hingucken. Und weil wir alle mindestens ein bisschen narzisstisch gestört sind, ist es noch geiler, weil wir selbst drin vorkommen. Eine Serie über uns! Aber wie das mit Fickfilmen eben ist, es gibt gute und schlechte. Letztere törnen einen eher ab. Wie The Newsroom.

In The Newsroom hat Aaron Sorkin das aus seiner Erfolgsserie The West Wing bekannte Personal und Sujet in die Redaktion der Hauptnachrichten eines fiktiven US-Kabelsenders verlegt. Anders als in seinem Opus Magnum über das Tagesgeschäft im Weißen Haus greift Sorkin in die Trickkiste und lässt seine Newsroom-Besatzung mit echten Nachrichten aus der jüngeren Vergangenheit arbeiten: Deepwater Horizon, Kairo, Gabrielle Giffords, Fukushima. Ein Kunstgriff, mit dem Sorkin seine politische Botschaft in die Handlung transportieren kann.

An Anfang steht ein Rant: Anchorman Will McAvoy (Jeff Daniels) verliert auf einem der zahllosen Panels die Nerven und lässt seinem Frust freien Lauf. Auf die Frage einer (natürlich naiven, aber dazu kommen wir später) Studentin nach der Großartigkeit der USA hält McAvoy eine Predigt aus Sorkins statistischem Zettelkasten, warum die USA im Kern längst verrottet sind. Der öffentliche Ausraster markiert den Beginn der Häutung des Nachrichtensprechers, der seine große Popularität nicht durch Haltung gefährden wollte.

Seine zweite Ansprache hält McAvoy dann in der dritten Folge vor laufender Kamera. Dem unaufgeklärten Publikum will er die Augen öffnen, wie sehr das Fernsehen sie mit vorgeblicher Neutralität belügt, und verspricht bessere Nachrichten. Vorher hat er seinem Team erklärt, warum man nicht immer beide Seiten zu Wort kommen lassen muss: There are not two sides to every story. Manchmal reicht die Wahrheit.

The thing that I worry about more is the media’s bias toward fairness. Nobody uses the word lie anymore. Suddenly, everything is „a difference of opinion.“ If the entire House Republican caucus were to walk onto the floor one day and say „The Earth is flat,“ the headline on the New York Times the next day would read „Democrats and Republicans Can’t Agree on Shape of Earth.“ I don’t believe the truth always lies in the middle. I don’t believe there are two sides to every argument. I think the facts are the center. And watching the news abandon the facts in favor of „fairness“ is what’s troubling to me.Aaron Sorkin

Diesen hübschen Vortrag lässt Sorkin auch einmal seine Hauptfigur halten. Sorkin trifft dabei mit seiner Analyse der Probleme, die der Journalismus und das US-Nachrichtenfernsehen im Besonderen hat, ins Schwarze (ist aber auch nicht besonders schwer). Doch geht es ihm darum nur vordergründig. Denn Sorkin missbraucht seine gute Idee, um dann doch nur politische Predigten zu halten. Preaching to the choir: The Newsroom ist Politporno für die linksliberale US-Intelligenzia. McAvoys Mitgliedschaft bei den Republikanern dient dabei nur als narratives Feigenblatt für Sorkins Agenda.

Wie im Porno haben die Figuren keine andere Funktion, als ihren Körper zur Schau zu stellen und dem Betrachter als Projektionsfläche zu dienen. Im Newsroom redet man nicht miteinander, man erklärt sich gegenseitig die Welt. Die Dialoge sind wie üblich bei Sorkin oh so snappy. Lauter tolle junge Leute machen eine super Nachrichtensendung for the betterment of mankind. Sie kämpfen für die gute Sache, und wenn mit den Tränen, dann vor Rührung über sich selbst. Dabei gibt sich das gesamte Ensemble Mühe, mehr als nur Staffage für Sorkins Sprechblasen zu sein. Von Folge zu Folge arbeitet sich The Newsroom immer tiefer auf Soap-Terrain vor.

Frauen kommen bei Sorkin ohnehin nur als Karikaturen vor. McAvoys Produzentin und Ex-Flamme MacKenzie McHale (!) ist irgendwo zwischen unsicherer Kontrollzicke und neurotischer Karrierefrau angelegt. Die blonde Ex-Praktikantin ist kann sich nicht zwischen dem ehrgeizigen Redaktionsarschloch und dem soften Superjournalisten entscheiden. Der für die Wirtschaft zuständigen Moderatorin wird mehr als eine wissenschaftliche Inselbegabung nicht zugestanden und Jane Fonda darf die machtbewusste Matriarchin des Mutterkonzerns geben.

Und dann ist da noch die ebenso skrupellose wie sexbesessene Boulevardreporterin, der Will auch einen seiner vielen Vorträge hält. Weil Boulevard im Sorkinschen Universum sowas wie der Vorhof zur Hölle ist. Man wünscht, Will hätte die Klappe gehalten und wäre mit ihr ins Bett gegangen. Sex soll ja was entspannendes haben. Das kann verkrampften Ideologen nur gut tun.

Eine Antwort

  1. nice!

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