Staatsradio

Das Problem ist offensichtlich. Ich versuche es mal ohne Polemik zu beschreiben: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖR) in Deutschland wird mit von der Bevölkerung eingezogenen Gebühren bezahlt, über deren Größenordnung und Verteilung politisch besetzte Gremien entscheiden. Er hat per Definition unabhängig und überparteilich zu sein. Diese Unabhängigkeit soll nun aber ausgerechnet dadurch garantiert werden, dass in den entscheidenden Gremien die Vertreter von allen möglichen Interessengruppen sitzen, unter anderem der politischen Parteien.

Der ÖR ist damit schon per Konstruktion verschiedenen Einflüssen und der Gefahr der Einflussnahme ausgesetzt. Begünstigt wird das durch den Umstand, dass die Sender wie Behörden geführt werden und Apparatschiks dort Karriere machen. Dass es diese Versuche der politischen Einflussnahme gibt und wie kurz der Draht auch von Politikern aus der zweiten Reihe in die Redaktionen ist, zeigen exemplarisch zwei unappetitliche Geschichten der letzten Tage, in deren Zentrum jeweils die Institution Deutschlandfunk (DLF) steht. 

Ich höre den Deutschlandfunk ganz gerne. Er ist vielleicht in bisschen betulich, aber abgesehen von den täglichen Meldungen „aus Religion und Gesellschaft“ oder einstündigen Features über Urwaldindianer mit Gender-Issues finde ich im Programm immer wieder Überraschendes und Interessantes. Bei den Nachrichten ist mir allerdings schon das eine oder andere Mal bitter aufgestoßen, dass sie eher staatstragend sind und auch noch den größten Unsinn, den irgendwelche Berliner Pappnasen absondern, artig unters Volk bringen. Aber damit ist der Sender ja nicht alleine.

Nun musste sich die Chefredaktion den Deutschlandfunks in der vergangenen Woche gleich zwei Mal „in eigener Sache“ zu Wort melden. Zuerst war da der offensichtlich auf Intervention des Wehrbeauftragten des Bundestags zunächst verschwundene Kommentar über eben diesen Wehrbeauftragten. Und dann ist da der unbequeme freie Sportjournalist Jens Weinreich, der dem Deutschlandfunk vorwirft, ihn nicht mehr zu beschäftigen, weil er eben unbequem ist und den Zorn von ein paar Sportpolitikern auf sich gezogen hat. Beides wäre für den Sender eine journalistische Bankrotterklärung.

Jens Weinreich ist ein Terrier. Er hat sich in die mafiösen Verstrickungen zwischen Sport, Wirtschaft und Politik verbissen und lässt nicht mehr los. Damit hat er sich auch international einen ziemlich guten Ruf erarbeitet. Ich verfolge Weinreich schon seit seiner Zeit bei der Berliner Zeitung, wo er zu einem erstklassigen Sportteil beigetragen hat. Aus der Distanz habe ich zuletzt den Eindruck gewonnen, dass er einem gewissen Hang zur Selbstherrlichkeit zunehmend nachgibt, was oft auf Kosten der eigenen Kritikfähigkeit geht. Er geriert sich als einziger Durchblicker, und wer seine Sicht nicht teilt, ist dumm oder mit dem korrupten System in einem Boot.

Das macht ihn angreifbar. Es ist daher wenig überraschend, dass der Deutschlandfunk nun genau diese Flanke wählt. Die von Weinreich erhobenen Vorwürfe „entbehren jeder Grundlage„, schreibt DLF-Chefredakteurin Birgit Wentzien am Freitag. Der Sender habe die Zusammenarbeit mit Weinreich beendet, weil sein Verhalten „den Redaktionsfrieden bedrohte und eine weitere Zusammenarbeit mit ihm unzumutbar“ sei. Weinreich soll zudem „mehrfach“ Kollegen beim DLF „verunglimpft“ und deren Kompetent in Frage gestellt haben. Wentzien schließt mit einer Drohung: „Deutschlandradio behält sich rechtliche Schritte vor.“

Das ist eine ganz schön dicke Keule. „Manches davon ist gelogen„, sagt Weinreich dazu. Im Sinne des von ihm immer beschworenen Transparenzgedankens wäre gut zu wissen, was gelogen ist und was nicht. Das erklärt Weinreich nicht, wohl aber, warum der DLF ihn seiner Ansicht nach mit einem „Berufsverbot“ belegt: Weil er den Hinterbänklern im Sportausschuss des Deutschen Bundestags mit seiner Berichterstattung zu sehr auf den Sack gegangen ist.

Weinreich hatte in seinem Blog ein paar Interna aus dem gerne unter Ausschluss der Öffentlichkeit (warum auch immer) tagendenen Sportausschuss veröffentlicht und das in der ihm typisch polemischen Art kommentiert. Dabei regt sich Weinreich über „diese Abart des Journalismus“ auf, die Politikern immer nur Gelegenheit gibt, „ihre belanglosen, irrlichternden und dümmlichen Statements zu Protokoll zu geben“, diese aber weder einordnet, noch hinterfragt.

Auch Weinreich schießt nicht mit kleinem Kaliber. Vor allem die „Abart des Journalismus“ scheint im Kölner Funkhaus nicht gut anzukommen. Weinreich: „Daraufhin soll es einen Hinweis aus dem Ausschuss gegeben haben. Ich bekam kurz darauf einen Anruf der Sportchefin des Deutschlandfunks, die mir ein Ultimatum stellte.“ Aus seiner von ihm selbst veröffentlichten Antwort an Sportchefin Astrid Rawohl geht hervor, dass Rawohl den Blogbeitrag als „Affront“ gegen die DLF-Sportredaktion sieht und Weinreich vorwirft, er wolle einen Kollegen aus der Berichterstattung drängen.

Daraufhin bekommt Weinreich die Benachrichtigung über das Ende seiner Beschäftigung beim Deutschlandfunk und, weil es der Tarifvertrag so vorsieht, einen Terminvorschlag für eine Anhörung. Was ihm konkret vorgeworfen wird, will er vorher wissen, und einen neuen Termin, weil er im Ausland ist. Stattdessen geht der DLF nun davon aus, dass Weinreich auf die Anhörung „verzichtet“ und teilt schriftlich die wirksame Beendigung des Beschäftigungsverhältnisses mit. Weinreich: „Das war es nach ungefähr zwei Jahrzehnten Arbeit für den Deutschlandfunk.“

Die Frage ist nun, wem Weinreich mehr auf den Sack gegangen ist: dem Sportausschuss oder seinen Kollegen. Es ist bestimmt nicht einfach, mit einem Überzeugungstäter wie Weinreich zusammenzuarbeiten. Vielleicht hat er den Bogen einfach überspannt. Allerdings kann man das Szenario, in dem es um politische Einflussnahme gegen einen unliebsamen Kritiker und das willfährige Katzbuckeln eines öffentlich-rechtlichen Senders geht, nicht so einfach vom Tisch wischen. Und das liegt – neben den kenntnisreichen Anmerkungen von Weinreichs Ex-Kollegin Grit Hartmann – vor allem an dem anderen Fall, in dem sich das Deutschlandradio zuletzt erklären musste.

Der am 20. Juli gesendete Kommentar über den Wehrbeauftragten hat diesem nicht gepasst. Er beschwert sich beim DLF-Intendanten, der ihn zunächst abblitzen lässt. Trotzdem verschwindet der Kommentar kurz darauf von der Website. Die Chefredaktion erklärt das nachträglich mit einer „Kommunikationspanne“. Im Sender weiß man, dass das nicht stimmt. Aus dem Funkhaus ist zu hören, dass der Kommentar auf Anweisung von oben und unter Umgehung der Zuständigkeiten gelöscht wurde.

Man kann den Kommentar kritisieren: Es geht darin um Vorgänge, die wohl nur Bundeswehr-Insider interessieren. Der Kommentar ist vielleicht gar nicht mal so gut. Man kann darauf hinweisen, dass Kommentator Klaus Pokatzky geschäftliche Beziehungen zur Bundeswehr pflegt und deshalb vielleicht noch ein anderes Hühnchen mit dem Wehrbeauftragten zu rupfen hat. Aber das sind Gedanken, die sich die Chefredaktion vor der Sendung machen muss, um den Beitrag dann eventuell sterben zu lassen. Wenn sie ihn hinterher auf Intervention des Kritisierten vom Netz nimmt, ist es genau das, wonach es aussieht: Politische Einflussnahme trifft auf willfährigen Staatsfunk.

Siehe auch: Carta, taz, der Knüwer, Falk Lüke,

3 Antworten

  1. Herzlich Willkommen in der neuen Weltordnung.
    Wir werden den Japanern immer ähnlicher. …

  2. […] foolDC: Staatsradio […]

  3. Hast ja leider nicht geantwortet, also hab ich dich verlinkt. Die Liste unter dem Text wächst.

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