Archive for the ‘Big Business’ Category

Taxing the Rich
22. September 2012

Die Reichen dürfen gerade mal wieder eine Hauptrolle im globalen Empörungstheater spielen. Die ganze Welt beschäftigt sich obsessiv mit Mitt Romneys Steuererklärung. Hierzulande sollen die Reichen stärker in die Verantwortung genommen, also zur Kasse gebeten werden. Das können die meisten irgendwie gut finden. Eine Neidebatte, sagen dagegen die Reichen-Lobby und deren Spitzenverband FDP.

Neid? Natürlich. Wir neiden den Reichen das sorglose und komfortable Leben, das der Reichtum ihnen ermöglicht. Dabei versuchen sie uns immer zu erzählen, dass die Sorge, diese Sorglosigkeit zu verlieren, alles andere überschattet. Weil wir ihnen das nicht abnehmen, finden wir es auch irgendwie in Ordnung, wenn sie jetzt bitte auch mal ihren Beitrag leisten sollen. Die mitte-links verorteten politischen Parteien setzen mit Plänen für eine Reichensteuer oder Vermögensabgabe voll auf dieses Ressentiment.

Dabei wird die Debatte von beiden Seiten auf äußerste unredlich geführt. Diese unsägliche Leistungs-Propaganda, die Spitzenpolitiker wie Paddi Döring und die blonde Sexwaffe der Unternehmerlobby Marie-Christine Ostermann in allen Talkshows verbreiten dürfen, redet Erbfolge als Leistung schön und desavouiert den Teil der arbeitenden Bevölkerung, dessen Einkommen trotz lebenslanger Leistung nicht mehr für den Vermögensaufbau reicht. Die goldenen 50er Jahre, in denen eure Papis ihr Schraubenimperium aufgebaut haben, sind vorbei.

Dagegen soll der Beitrag, der von der anderen politischen Seite eingefordert wird, dem Staatshaushalt zu Gute kommen. Eine Reichensteuer hilft der Politik nur, ein paar Löcher im Haushalt zu stopfen und noch ein bisschen länger Geld auszugeben, das sie eigentlich nicht hat. Es geht nicht um eine gerechtere Gesellschaft und eine Entlastung der normalverdienenden Mittelschicht, die sich mit ihren Abstiegsängsten von den Parteien willfährig instrumentalisieren lässt.

Eine Reichensteuer, die nur die paar Prozent der wirklichen Großverdiener erfasst, ist reine Symbolpolitik. Mein Problem sind nicht die wirklich Reichen, sondern wer nach der politischen Arithmetik dazu gezählt wird. In der Debatte um Steuern und Gerechtigkeit geht immer unter, dass der Spitzensteuersatz schon bei einem Jahreshaushaltseinkommen greift, mit dem eine normale Familie ordentlich leben kann, das aber keine große Sprünge erlaubt. Und schon gar keinen Vermögensaufbau.

Damit gerät die normalverdienende Mittelschicht, für die das Wohlstandsversprechen, mit dem die Elterngeneration noch groß geworden ist, längst nicht mehr gilt, von allen Seiten unter Druck: Löhne halten mit der Inflation nicht Schritt, die Sozialabgaben – ohnehin der größte Posten – wachsen umgekehrt proportional zu den dafür erhaltenen Leistungen, dazu belasten private Vorsorge und steigende Lebenshaltungskosten das Budget. Die Steuer ist da noch das kleinste Übel.

Abgesehen davon, dass sich der Staat grundsätzlich nicht mehr als die Hälfte wovon auch immer nehmen dürfen sollte, ist das Problem der Einkommensteuer für dem Mittelstand (und ich meine damit nicht den, den die FDP meint) die frühe Progression. Das zu ändern würde dem Staat substanziell weniger Einnahmen bescheren und der Politik den „Spielraum“ verengen. Von dieser Politikergeneration ist eine echte Reform deshalb nicht zu erwarten. Dem Mittelstand geht es aber offenbar noch zu gut, sodass billige Rhetorik der Politik verfängt. Und wir wollen ja nicht auf unsere aus Steuermitteln bezahlte Genderbeauftragte im Stadtteil verzichten.

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Politbetrieb
13. März 2011

Während in Japan gerade ein Atomkraftwerk nach dem anderen durchglüht und damit für die Atompolitik auch hierzulande das eingetreten ist, was man neudeutsch als Game Changer bezeichnet, sondert der Berliner Politbetrieb weiter Worthülsen ab. Damit tun sich insbesondere Regierungsvertreter hervor, die offenbar meinen, trotz des Lippenbekenntnisses, jetzt könne nicht einfach zur Tagesordnung übergegangen werden, mit der üblichen Taktik alles aussitzen zu können: beschwichtigen, relativieren, zerreden.

Gerade hat sich Volker Kauder im ZDF die Prügel für den zuständigen Minister abgeholt und musste sich von einem gut vorbereiteten Sigmar Gabriel zerlegen lassen. Und alles was der CDU-Mann auf der Pfanne hatte, war mit dem Finger auf die Sozis zu zeigen und Gabriel vorzuwerfen, die deutschen Problemmeiler nicht in seiner Zeit als Umweltminister selbst stillgelegt zu haben. Der SPD-Chef kann immerhin von sich behaupten, es versucht zu haben, sollte aber jetzt auch keinen Wahlkampf machen.

Offensichtlich ist es aber vom Politbetrieb zu viel verlangt, angesichts der katastrophalen Entwicklung in Japan einmal innezuhalten und nicht die üblichen Phrasen zu dreschen. Die Ereignisse in den japanischen Reaktoren sind für die Technik der Game Changer. Wenn selbst ein Hochtechnologieland die Atomkraft im Ernstfall nicht beherrschen kann, braucht die Diskussion einen harten Reset. Die alten Argumente taugen nichts mehr.

Die Energiepolitik muss neu gedacht werden, alles steht zur Debatte. Das gilt allerdings auch für die Gegenargumente und Alternativen. Und wer mit Merkel, Kauder und Röttgen der Meinung ist, „unsere Atomkraftwerke sind sicher“ (man beachte die in diesem Zusammenhang gerne benutzte Einschränkung à la „nach Maßgabe dessen was wir wissen“) und wir haben ja auch keine Erdbeben, der soll sich mal mit einigen Theorien zum Unfallrisiko in komplexen Systemen befassen (Stichwort Normal Accident).

Shitstorm
20. Januar 2011

Ich seh das ja ein bisschen anders als der Herr Vatter. Mir würde nicht im Traum einfallen, die seichte Erregungswelle, die da gerade durch die deutsche Blogosphäre schwappt, in irgendeine Beziehung zu der Ölflut im Golf von Mexico zu setzen. Und mit Zensur hat das nun schon gar nichts zu tun. Dem lieben René wurde ja nicht die Möglichkeit genommen, weiter das Internet vollzuschreiben. Sondern nur die Adresse, unter der er das bisher getan hat. Jetzt hat er eben eine neue. Da kann er sich schön in abgeschmackten Rebellenposen üben.

Die paar Äußerungen, auf die das in solchen Angelegenheiten erwiesenermaßen nicht zimperliche Unternehmen angesprungen ist, und die den Stein erst ins Rollen brachten, zeigen doch vor allem, dass der schöne René genau wusste, mit wem er es zu tun hat. Das Ganze ist wohl doch eher nur „der folgenreiche Fauxpas eines Blogger-Deppen, der zu blöd war, seine Rechnungen zu bezahlen“ (Vatter). Also braucht Herr Nerdcore jetzt nicht rumzuheulen und feixend auf den Shitstorm zu warten, der diese Düsseldorfer Webdesign-was-auch-immer-Bude aus dem Internet spült. An alle, die mitquirlen: Grow a pair, and grow up.

Irrsinn
5. November 2010

Gerade kommt eine Pressemitteilung rein, die fängt so an:

Handelsketten untergraben EU-Verordnung zum Glühlampenausstieg =

Berlin (ots) – Bau- und Elektromärkte, Drogerien und Supermärkte verkaufen weiterhin die seit mehr als einem Jahr verbotenen Glühbirnen – Testbesuche der Deutschen Umwelthilfe im Einzelhandel ergeben teilweise breite Sortimente an matten Glühlampen sowie 100 Watt Glühlampen – DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch fordert Vollzugebehörden [sic] dazu auf, gegen diesen Verstoß des EU-Klimaschutzrechts vorzugehen.

Das muss man erst mal eine Weile auf sich wirken lassen.

Big Pharma
22. Mai 2010

Oliver Welkes Versuch einer News-Comedy à la Jon Stewart erfüllt meine Erwartungen ja leider meistens nicht. In der vergangenen Woche gab es allerdings eine Sternstunde deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens: Martin Sonneborn führt einen Pharma-Lobbyisten vor und entlockt ihm erstaunlich ehrliche Aussagen. Epic win, Pharma-Lobby owned.

Aber es gibt ein Nachspiel: Der Pharma-Lobbyist beschwert sich beim ZDF-Programmchef, und der macht den Kotau vor der Lobby und erteilt seiner Satire-Abteilung eine Rüge. Okay, die Scherzkekse haben nach journalistischen Maßstäben nicht ganz sauber gearbeitet. Aber müssen sie das? Ist ja schließlich Satire. Das ZDF hat halt keine Eier. Und scheint abgesehen davon keine Probleme damit zu haben, Lobby-Vertreter hübsch zu schneiden und ihnen auch sonst in den Arsch zu kriechen. Irgendwie müssen die ihre Prioritäten klar kriegen.

Während sich also der Geschäftsführer des Lobby-Vereins der Generika-Hersteller vor laufender Kamera zum Horst macht, steht im Hintergrund sein „Pressesprecher“ und gibt Kommentare ab. Der Mann hat eindeutig den falschen Job: Ein guter Presseheini schickt das Fernsehteam in dem Moment nach Hause, in dem Martin Sonneborn durch die Tür kommt. Aber der Lobby-Pressesprecher kannte den wohl nicht. Vielleicht hätten sie nicht einen Juristen für den Job nehmen sollen.

Wirtschaftselite
25. Februar 2010

“We’ve learned and struggled for a few years here figuring out how to make a decent phone. PC guys are not going to just figure this out. They’re not going to just walk in.”
Ed Colligan, CEO Palm Inc, November 2006

Verkaufte Palms, September – November 2009: 783.000
Verkaufte iPhones, Oktober – Dezember 2009: 8.737.000

Ugly Corporate Pigs
24. August 2009

Ausgerechnet George Orwell. Die bekannte „Ironie des Schicksals“ beschreibt nur unzureichend, was man getrost als den schwersten PR-Gau in der Geschichte des sonst ach so kundenfreundlichen und netzaffinen Online-Händlers Amazon bezeichnen kann. Der US-Konzern hatte E-Book-Fassungen von Orwells „1984“ und „Animal Farm“ von der Kindles zahlender Kunden einfach wieder gelöscht, weil der Anbieter der E-Books diese nicht lizenziert hatte. Das Customer-Feedback war eindeutig: „Amazon, Why Don’t You Come In Our Houses And Burn Our Books Too?“

The Closer ist eine ganz nette Fernsehserie. Serie heißt, dass einzelne Folgen in regelmäßigen Abständen im Fernsehen laufen. Sollten. Denn irgendwie muss den Verantwortlichen bei Vox das Verständnis für dieses Konzept abhanden gekommen sein. Das kann passieren, wenn die Personalabteilung auch für Kreativposten nur Juristen und Betriebswirte einstellt. Vox nämlich hat die Ausstrahlung der dritten Staffel im vergangenen Jahr aus unerfindlichen Gründen irgendwann abgebrochen, trotz ordentlicher Quoten. Jetzt soll ab September erstmal die vierte Staffel laufen, die restlichen Folgen der dritten kommen irgendwann. Dass die Serie neben den in den Folgen behandelten Fällen auch einige kontinuierliche Erzählstränge hat, ist den Senderjuristen wohl entgangen.

Das hat beides auf den ersten nicht viel miteinander zu tun. Doch weisen diese Geschichten auf ein Grundpoblem der sogenannten Content-Industrie hin: Der Kunde ist ihnen scheißegal. Und noch eins: Die Fixierung der Industrie auf ihre Verwertungsrechte von gestern funktioniert in der globalisierten und digitalisierten Welt von heute nicht mehr – oder zumindest nur noch zum Nachteil des Kunden. (mehr …)

Fake Food
10. Juli 2009

Kleine Liste beim Spiegel, wie die Lebensmittelindustrie uns täglich aufs Neue verarscht. I couldn’t care less. Selbst schuld, wer den Scheiß frisst (edit & note to self: ich wiederhol mich schon). Dann das hier:

Anstelle einer echten Surimi-Garnele erhält der Kunde im Handel unter Umständen gepresstes Fischeiweiß in Garnelenform.

„Echt“ und „Surimi“ in einem Zusammenhang ist schon gewagt. Was ist nun eine „echte Surimi-Garnele“ anderes als gepresstes Fischeiweiß? Hat der Spiegel hier keine Ahnung und denkt, Surimi-Garnele sei sowas wie Kaisergranat? Oder ist die Industrie schon soweit, dass sie Fakes von Fakes verkauft, weil die Leute das erste Fake schon für echt halten?

(Jetzt hat der Spiegel es korrigiert. Stand aber da. Ich schwör.)

Pimping
4. Juli 2009

Wenn die alten Geschäftsmodelle ihren Qualitätsjournalismus nicht mehr tragen, müssen eben neue her. Auf der Suche nach neuen Geldquellen werden auch große Medienhäuser immer verzweifelter und machen dabei vor nichts mehr halt. Einen weiteren Höhepunkt in dieser übelriechenden Geschichte der Verwesung einer ganzen Branche setzte nun die ehrenwerte Washington Post. Deren Herausgeberin Katherine Weymouth wollte ihre Journalisten auf den Lobby-Strich schicken.

Die Idee, die wohl im Marketing-Department der Post ausgebrütet wurde, sieht Weymouth als Gastgeberin für eine Reihe exklusiver Dinner in ihrem Haus vor. Auf der Einladungsliste: Lobbyisten. Sie sollten in ungezwungener Atmosphäre, completely off the record, mit Regierungsvertretern, Abgeordneten und anderen „ausgewählten“ Entscheidern zusammentreffen können.

„Ein Abend mit den richtigen Leuten kann die Debatte verändern“, wirbt der Verlag in einem Flyer. „Bringen Sie den CEO oder Exekutivdirektor Ihrer Organisation buchstäblich an den Tisch.“ Menupreis: 25000 Dollar, beim Kauf der Zehnerkarte gibt’s einen Abend gratis. Kontakt zu leitenden Journalisten inklusive. Bei dem für den 21. Juli geplanten ersten Dinner sollte der Post-Chefredakteur Marcus Brauchli mit am Tisch sitzen.

Das gemütliche Beisammensein wurde jetzt abgesagt. Denn ein Flyer, mit dem die Post den bunten, wenn auch nicht ganz billigen Abend einem Lobbyisten der Gesundheitsbranche schmackhaft machen wollte, landete bei Politico. Bei der Qualitätszeitung ist jetzt Schadensbegrenzung angesagt: der Flyer sei das Werk einer „übereifrigen“ Marketingabteilung, so nie autorisiert worden und überhaupt eine völlig verzerrte Darstellung der geplanten Abende.

Brauchli versucht, seine Truppe vor Schaden zu schützen und erklärte, die klaren Bedingungen der Redaktion für eine Teilnahme an den „Salons“ seien vom Marketing nicht berücksichtigt worden, zu einem bedingungslosen „off the record“ sei er nicht bereit. „Wir werden nicht an Veranstaltungen teilnehmen, bei denen die Post gegen Geld Zugang zu Redaktionspersonal oder Zurückhaltung bei kritischen Fragen verspricht“, schrieb Brauchli in einer E-Mail an die Redaktion. „Das deutet an, dass der Zugang zu Journalisten der Washington Post käuflich sei.“

Angeblich soll es die Pläne bei der klammen Zeitungsgruppe schon länger geben. Dass der Newsroom jetzt auf Entrüstung macht, ist ein bisschen verwunderlich. Denn angeblich waren auch Redaktionsmitglieder in die Pläne einbezogen. Aber Journalisten sind halt Nutten mit Prinzip: Sie lassen sich nicht gerne verhökern, ihren Preis bestimmen sie lieber selbst.

Das Bild ist aus besseren Zeiten.

Werber
27. Juni 2009

Gerade bei vowe auf das hier gestoßen:

„Woman are soft and gentle. But they hit things.“ Man sieht sie vor sich, die smarten Copytexter, high fiving each other.

Eins führt zum anderen, so ist das Internet:

Oder das hier:

Good ol‘ advertimes? Mitnichten. Die Branche, in der immer noch „2 Cs in a K“ als Blaupause für jeden Haushaltswarenspot gilt, hat sich nie wirklich geändert. Nur die Zeichen sind andere, die Sujets bleiben.