Mr. Brown

10. Dezember 2011 - Leave a Response

So sieht also die Erneuerung der Berliner CDU aus: Ein Anwalt und Notar, der sich offenbar für kein Geschäft zu schade ist, wird Senator für Justiz und Verbraucherschutz. Dann wird er mit Massenabmahnungen und Schrottimmobilien mehr als nur in Verbindung gebracht. Aber Frank Henkel hat offensichtlich kein Problem damit, dass das für Justiz und Verbraucherschutz zuständige Senatsmitglied an fragwürdigen Geschäften verdient hat.

Der Senator hat sich vielleicht rechtlich nichts zu Schulden kommen lassen. Er hat – und wie es scheint wissentlich – an unmoralischen Geschäften mitgewirkt. Damit ist er für ein öffentliches Amt untragbar. Dass Henkel (und auch Klaus Wowereit) ihn nicht sofort zum Rücktritt auffordern, wirft schon jetzt einen langen Schatten auf diese Legislaturperiode. Selbst zurücktreten, um Partei und Regierung vor weiterer Beschädigung zu schützen, ist von einem, der für Erfolg offenbar alles macht, nicht zu erwarten.

An der Causa Braun lässt sich einmal mehr der moralische Verfall der politischen Klasse vermessen – die CDU ist ausdrücklich angesprochen, aber das gilt auch für andere Parteien. Der Rückzug auf das Argument der Justiziabilität heißt doch nur, dass Politiker meinen sich alles leisten zu können, so lange sie sich nicht erwischen lassen. Dass sie über das Gesetz hinaus auch eine moralische Verantwortung der Öffentlichkeit gegenüber haben, ist dem Typus moderner Karriere-Politiker fremd. Moral ist ein Konzept, dass er nicht versteht. Es stört beim Erfolg.

Piraten

24. September 2011 - 4 Antworten

In ihrer Reaktion auf den überraschend deutlichen Erfolg der Piraten bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus zeigt sich einmal mehr, wie sehr die deutsche Journaille ein Teil des Politbetriebs geworden ist. Deutsche Politikberichterstatter sind offenbar nicht mehr in der Lage, außerhalb der engen Grenzen zu denken, die das Parteien-Establishment vorgibt. Eine Partei, die genau diese Grenzen sprengen will und damit auch anfängt, wird deshalb von der willfährigen Medienmeute gescholten (und mit abgeschmackten Metaphern beschrieben).

Schon geilt sich die Presse daran auf, dass sich die Piraten öffentlich über die Besetzung des Fraktionsvorsitzes zanken. Dem Maßstab der alten Parteien folgend wäre das eine Nachricht: Das Polit-Establishment zeigt sich in offiziellen Verlautbarungen immer als Einheit, um danach die massiven Differenzen in Hinterzimmergesprächen an die Journalisten „durchzustechen“. Die Piraten tragen ihren Disput nicht verdeckt aus und beweisen damit die Transparenz, die sie einfordern. Von den Medien wird das nicht honoriert: Wären alle Parteien so, bröckelt die Gatekeeper-Funktion der Hinterzimmerreporter weiter ab.

Es sind zu wenig Frauen auf der Landesliste. Das stimmt – und liegt sicher an verschiedenen Faktoren. Vielleicht duschen die Piraten-Jungs nicht oft genug. Was die mehrheitlich mittelalten Hauptstadtjournalisten, geprägt von einer Jahrzehnte währenden grünlackierten Sozialdemokratisierung, nicht verstehen können: Es gibt ein Leben ohne Frauenquote. Gleichberechtigung kann auch bedeuten, sich seinen Platz einfach nehmen zu können, ohne dass jemand von oben für ausgeglichene Verhältnisse sorgen muss.

Mann kann kritisieren, dass die Piraten das Milieu des gebildeten weißen Mittelstands-Nerds repräsentieren und damit alles andere als eine Volkspartei sind – wobei ich von der Journaille dann erwarte, dass sie bei SPD und CDU/CSU einmal genau hinschaut, wer da eigentlich wen repräsentiert. Die FDP repräsentiert ja mittlerweile eigentlichen niemanden mehr.

Und die Grünen sind die Partei der besserverdienenden Weltverbesserer. Schön, dass bei den Grünen auch Leute twittern und Bärbel Hohn auch Internet guckt. Leider haben sie davon total keine Ahnung. Sie sind die Partei der verspießten Eltern unserer jungen Piraten, die keinen Bock mehr auf Bevormundung haben, egal wie gut gemeint sie ist.

Die Alarmglocken schrillen deshalb vor allem bei den Grünen und der FDP: Die Piraten machen sichtbar, dass die Spontis von früher das Establishment von heute sind. Und dass die latent technikfeindlichen Ökopaxe auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nur Antworten aus den 80er Jahren haben. Und der FDP gehen die Piraten mit ihrer Interpretation bürgerlicher Freiheiten an den liberalen Kern, den Karrierepolitiker wie Westerwelle, Rösler und Lindner an Hoteliers verhökert haben.

Ob die Piraten auf Dauer wählbar sind, müssen sie jetzt beweisen. Eines sollten sie aber ganz schnell ablegen: Den herablassenden Habitus des Internetverstehers. Die Arroganz, die sie derzeit gegenüber Establishment und Medien an den Tag legen, steht ihnen nicht gut. Denn die jungen Herren mögen es sich nicht vorstellen können, aber das Internet haben sie nicht zuerst entdeckt. Die Pioniere des Netzes sind ein paar Jahre älter als sie, und verstehen auch was von dem Zeugs. Und sie können wählen gehen – auch wenn wir es nicht immer machen.

Öffentlich-rechtliches Ego

10. September 2011 - Leave a Response

Im Berliner Wahlkampf zeigt sich wieder die ganze Schönheit eines öffentlich-rechtlichen Dogmas, das für den geschundenen Zuschauer eigentlich nur als Zumutung bezeichnet werden kann: Wahl ist Chefsache. Einmal in der Legislaturperiode erheben Chefredakteursdarsteller oder Programmdirektösen ihren Hintern aus dem Ledersessel und wagen sich auf unbekanntes Territorium: Ein Fernsehstudio. In diesem Fall eines des RBB.

Da sollen sie dann die Kandidaten grillen, damit der dumme Zuschauer auch weiß, was er zu wählen hat. Nun hat die Hauptstadt das ungeheure Glück, dass die zuständige Landesrundfunkanstalt von ausgeprägter Scharchigkeit ist. Mit einer offenen Debatte aller Spitzenkandidaten wollte man die beiden zur Moderation auserkorenen verdienten Führungskräfte wohl nicht überfordern und setzte stattdessen auf zwei One-on-Ones des Regierenden gegen seine Herausforderer Frank Henkel (CDU) und Renate Künast (Grüne).

Doch auch dieses Szenario hielt für Christoph Singelnstein (Chefredakteur des Rundfunk Berlin-Brandenburg) und Claudia Nothelle (Programmdirektorin) noch genügend Herausforderungen bereit. Die Moderatoren haspelten sich von einem Tagesordnungspunkt zum nächsten, vorgegeben von einem virtuellen Stadtplan, aus dem sich die Kandidaten wie bei einem Fernsehquiz aus den 70ern einen Bezirk aussuchen durften. Klaus Wowereit: „Reinickendorf 100 bitte, Herr Thoelke“.

Die arroganten Alphamännchen Wowereit und Henkel haben mit den beiden Moderatoren den Boden gewischt. Auch im Duell zwischen dem Regierenden und Künast vergaben die beiden „sprachlich rumpelnden und unsicheren“ RBB-Chefs „journalistische Großchancen“, wie es der Tagesspiegel beschreibt. Dabei hat der Sender erfahrene Moderatoren, die den täglichen Umgang mit Berliner Provinzpolitikern gewöhnt sind, zum Beispiel Sascha Hingst oder Cathrin Böhme. Aber die verdienten Abenschau-Gesichter mussten zurückbleiben, weil ihre Chefs ein Ego zu streicheln hatten. Und der Zuschauer guckt in die Röhre.

Bei der Gelegenheit mal Props für Renate Künast, die ich nun wirklich nicht im Roten Rathaus sehen möchte. Aber dass sie angesichts der Aussichtslosigkeit, selbst noch Regierende Bürgermeisterin zu werden, on the air ihre Niederlage einräumt und die Wähler nach ihrer Koalitionsaussage zugunsten der SPD nun wissen, woran sie sind, zeugt von einer politischen Klasse, die im Berliner Kasperltheater auch nicht mehr jeder hat.

Then And Now

7. August 2011 - Leave a Response


IM Eimer, Rosenthaler Straße. Gute Parties, damals.

Ten Years After

4. August 2011 - Leave a Response

Stockholm-Syndrom

15. Mai 2011 - Leave a Response

Veit Medicks Kommentar bei SpOn zu Steinbrücks möglicher Kanzlerkandidatur ist ein hübsches Beispiel dafür, wie sehr die Hauptstadtjournaille schon den Blickwinkel der Politik einnimmt und anders gar nicht mehr denken kann. Der Kommentator hat sicher Recht, dass es in unserem Parteiensystem nicht gut für einen Politiker ist, sich so selbst ins Spiel zu bringen wie Steinbrück das gerade tut. Aber falsch ist es deshalb nicht.

Im Gegenteil. Es ist doch erfrischend, wenn da einer kommt und – wenn auch durch die Blume – sagt, ich kann das und ich will das machen, und sich dabei nicht um irgendeine Parteiräson schert. Niemand will wirklich einen süffisant lächelnden Politiker sehen, der vor laufender Kamera schwurbelt, Kandidatur sei gerade kein Thema, während alle schon wissen, dass er es macht und es nur noch darum geht, sich von der Vollversammlung der KPDSU möglichst ohne Gegenstimmen nominieren zu lassen. Dass darauf Berlin-Journalisten nicht mehr kommen, ist jetzt aber keine wirkliche Überraschung.

Bunga Bunga

17. April 2011 - Leave a Response

Öffentlich-rechtliche Qualitätsjournalisten nutzen also Urban Dictionary. Anders lässt sich nicht erklären, dass Phoenix-Moderator Michael Sahr in einer Schalte zum Prozess gegen den italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi mit folgendem Satz brilliert:

[…] Zur Rede stehen ja diese sogenannten „Bunga Bunga“-Partys, also anale Massenvergewaltigung […]

Wollen wir zu Sahrs Gunsten mal annehmen, dass er sich das nicht selbst zusammengegoogelt hat, sondern ein überbezahlter „Redakteur“. Google liefert als erstes Suchergebnis für „Bunga Bunga“ einen Beitrag einer österreichischen „Community-Zeitung“, in dem zu lesen ist:

Das Online-Wörterbuch „Urban Dictionary“ liefert zwei Erklärungen dazu:

1.) Äußerst brutale Anal-Massenvergewaltigung. Angeblich bevorzugte Bestrafung bei einem fiktiven afrikanischen „Stamm“.

und liefert die englischsprachige Originalquelle gleich mit:

definition for „bunga-bunga“:

1) Savagely brutal anal gang-rape. Fabled punishment for trespassing on the tribal land of a fictitious African tribe.

Ich weiß nicht, ob es die „anale Massenvergewaltigung“ auf diesem Weg in Sahrs Moderation geschafft hat. Anders ist es aber nur schwer zu erklären, denn alles deutet auf die Urban Dictionary als Quelle.

Dass sich bei einem öffentlich-rechtlichen Qualitätsjournalisten noch nicht herumgesprochen hat, dass Urban Dictionary nicht sowas wie die Wikipedia ist und schon gar kein „Wörterbuch“ – geschenkt. Aber die „Quelle“ enthält so ein paar Signalwörter, an denen der öffentlich-rechtliche Qualitätsjournalist hätte hängenbleiben können – von „österreichisch“ und „Community-Zeitung“ will ich ja gar nicht erst anfangen: „angeblich“ und „fiktiv“ beziehungsweise in der englischen Fassung „fabled“ und „fictitious“. Und wenn sich der öffentlich-rechtliche Qualitätsjournalist oder die öffentlich-rechtliche Qualitätsjournalistin nicht selbst ganz so ernst nehmen (und zum Lachen ins Archiv gehen) würde, dann wäre vielleicht auch dieser Altherrenwitz bekannt, den Berlusconi offenbar so witzisch findet.

Aber wo das Phoenix-Team schon mal auf Urban Dictionary unterwegs ist, hier mein Tipp für die nächste knallharte Recherche: facepalm.

(Gesehen in der heute show. Und ich will gar nicht wissen, was das hier wieder für Referrer gibt.)

Das Politbüro spricht

5. April 2011 - Leave a Response

„Wir haben am vorletzten Wochenende in den beiden Landtagswahlen […] keine Niederlage erlitten, sondern keinen Sieg errungen.“

Bodo Ramelow, Fraktionsvorsitzender der Linken im Thüringer Landtag, heute im Deutschlandfunk.

Hauptstadtjournaille

3. April 2011 - 2 Antworten


(Video courtesy of Carta)

Über das Twittergate der sog. Hauptstadtjournalisten wurde ja schon allerhand geschrieben (auch bei Knüwer, Jak und Don). Kurzfassung: Große Empörung, weil sich Regierungssprecher Seibert (@RegSprecher) erdreistete, den USA-Besuch Merkels zu twittern, anstatt den Termin in einem versiegelten Umschlag der Bundespressekonferenz untertänigst persönlich zu überbringen.

Natürlich muss sich die Berliner Baggage jetzt jede Menge Spott anhören – wie doof und von gestern die sind, Internet nicht verstanden, Twitter schon gar nicht. Dabei ist diese lächerliche Erregung des Medien-Establishments vor allem Ausdruck einer tiefen Verunsicherung. Die Hauptstadt-Journaille, die sich selbst als die Elite ihrer Profession versteht, wird die narzisstische Kränkung durch dieses Internet nie verwinden.

Das Netz hat die alten Säcke von der Presse ihrer Deutungshoheit beraubt. Sie sind nicht mehr die Gatekeeper, die Agenda-Setter, die darüber entscheiden, was wichtig ist und worüber die Republik diskutiert. Denn es gibt da dieses neue Medium und auf einmal ist die Arbeit, der Spin, die eigene Agenda transparent und überprüfbar. Die eingebildete Wichtigkeit wird unterminiert. Plötzlich sieht man sich massiver Kritik ausgesetzt – unerhört, denn der Journalist sollte doch der Kritiker sein, der den Finger allwissend in die offene Wunde legt.

Aber anstatt das als Chance zu begreifen und die bundesrepublikanische Presse weiterzuentwickeln, übt sich das Medien-Establishment in Omertà. Im Hauptstadtjournalismus herrscht eine ausgeprägte Wagenburgmentalität. Wenn dann jemand wie der Regierungssprecher, den man bisher als Mitglied der ehrenwerten Familie betrachtet hat, von der Fahne geht, ist das natürlich besonders kränkend. They won’t ever get over themselves.

Restrisiko

16. März 2011 - 2 Antworten

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll: In Japan entfaltet sich eine Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes und der deutsche Politbetrieb ist in einer selbstferenziellen Spirale gefangen. Die Bundesregierung zeigt hektischen Aktionismus, sie wird dafür von Opposition und Hauptstadtjournaille gleichermaßen scharf angegriffen. Zweifel an der rechtlichen Grundlage des Moratoriums werden vorgebracht. Darf die das? Wahrscheinlich nicht. Ein vom Bundestag beschlossenes Gesetz einfach per Ordre de Mufti auszusetzen ist in einer parlamentarischen Demokratie ein unerhörter Vorgang. Die Aufregung ist sicher berechtigt. Aber gibt es Alternativen? Ich mag mir die hyperventilierenden Grünen und Roten kaum vorstellen, hätte Merkel erstmal die Füße stillgehalten und erklärt, es gebe keinen unmittelbaren Handlungsbedarf.

Jetzt muss sich die Kanzlerin vorwerfen lassen, sie wolle sich mit dem Moratorium nur über die wichtigen Wahlen der nächsten Wochen retten. Dabei scheint die Opposition tatsächlich zu glauben, sie sei der billigen Taktiererei völlig unverdächtig. Es ist abstoßend, dass ein SPD-Chef am Samstag vor laufenden Kameras zum Innehalten mahnt, nur um am Tag später voll in den Wahlkampfmodus zu schalten. Das Dilemma: Ich ahne, dass die Vorwürfe von SPD und Grünen trotz ihrer erbärmlichen Scheinheiligkeit im Kern zutreffen könnten. Zumindest bei Mappus, dem seine geistige Wende nicht mal mehr die eigenen Wähler abnehmen dürften, und dessen politische Karriere nach dem 27. März hoffentlich zu Ende ist.

Noch schneller als der Politbetrieb drehen sich die Medien. Den Rest des Beitrags lesen »