In Kolumnistan
16. Januar 2011

Doch, die meinen das ernst. Deutschlands Lightmedium macht auf Qualitätsjournalismus und beglückt uns mit neuen Kolumnisten. Erste Enttäuschung schon bei der Vorstellung der Mannschaft: Sascha Lobo ist dabei und darf natürlich aus dem Maschinenraum berichten. Weil der Sascha ist ja digitaler Bohemien und hatte seine erste E-Mail-Adresse schon 1999. Dass sich die alte Medien-Garde von einem wie Lobo vormachen lässt, er sei der netzmäßige Oberchecker, illustriert schön deren kapitales Missverständnis vonnet Janzen. Lobo allerdings lässt sich verschmerzen, wenn man sieht, wer noch dabei ist. Und damit meine ich nicht Jan Fleischhauer.

Die erste Woche ist rum, jeder durfte einmal ran, der erste Eindruck: Nun ja. Der Spiegel hatte zwei gute Ideen. Fleischhauer eine politische Kolumne zu geben und Sibylle Berg über irgendwas schreiben zu lassen. Dann ging es den Bach runter. Das Brainstorming in der Redaktion sah etwa so aus: „Lass den Jan doch wöchentlich über die Linken lästern“. – „Ich war neulich bei einer Lesung von der Berg, die könnten wir mal fragen.“ – „Lass sie uns doch beide bringen.“ Und dann hat ihn einer, den Geistesblitz: „Nee, wir machen eine tägliche Kolumne, sechs Tage die Woche, sechs Autoren zu sechs verschiedenen Themenbereichen.“

Diese großartige Idee hat nur einen Haken: Die Tage zwischen Montag, an dem Fleischhauer dran ist, und Frau Berg am Samstag wollen gefüllt werden. Lobo ist da fast zwangsläufig engere Wahl. Und weil jemand, der sich kompetent über die SPD lustig macht, in unserer sozialdemokratischgrünen Konsensgesellschaft schon als Rechtsaußen gilt, muss natürlich ein Gegenpol zu Fleischhauer her. Für den soll Millionen-Erbe Jakob Augstein mit „Im Zweifel links“ sorgen, der mit seinem ersten Beitrag aber höchstens Zweifel an seinem Geisteszustand schürt. Augsteins Debüt markiert den intellektuellen Tiefpunkt der Kolumnenwoche, was auch den Spiegel-Lesern nicht entgangen ist.

Spiegel-Mann Georg Diez ist „der Kritiker“ mit Mitte-Brille. Seine ansonsten wenig aufregende Eloge auf die „postmodernen Tragödien“ von Rene Pollesch verweist auf das Kernproblem des deutschen Subventionstheaters und des darum kreisenden Feuilletons: es ist von Gestern. Pollesch ist Neunziger und die Postmoderne auch nicht mehr lustig. Fehlt noch eine. Die Society-Schreibselette Steffi Kammerer hat der Spiegel kurz vor der Borderline eingefangen und lässt sie irgendwas über den Jetset schreiben. Fast hätte es niemand mitbekommen.

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Neues von der Borderline
10. Januar 2011

Frau Kammerer (die mit dem intimen Obama-Porträt, das gar nicht so intim war, dafür aber ‚business as usual‚) gibt jetzt bei Spiegel Online einmal wöchentlich die Klatsch-Kolumnistin.

Apropos Borderline, was macht eigentlich Sebastian W. so – außer seine Homepage löschen? Der Herr Niggemeier wollte das doch aufklären, wenn ich mich recht erinnere.

Tatort Internet
24. Oktober 2010

Verlegersohn Konstantin Neven DuMont verlässt den Vorstand. Deutsche Blogger in Extase: Wieder hat die aufrechte Blogosphäre (mit einigen rühmlichen Ausnahmen), allen voran ihr Leitwolf und seine Fanboys, einen von denen zur Strecke gebracht. Sixtus gratuliert Niggemeier zu seinem Hit Piece: „Herr @niggi hat eine neue Kerbe in seinem Revolver“. Und diese Herren nennen sich Journalist.

Offenbar hat der Verlegersohn oder jemand, der seinen Computer benutzt hat, unter ziemlich vielen verschiedenen Pseudonymen bei Niggemeier extrem herumgetrollt. Dem Hausherr des Blogs war aufgefallen, dass die verschiedenen Kommentatoren eine IP- und E-Mail-Adresse teilen.

Sollte das tatsächlich Neven DuMont gewesen sein, ist das sicher bemerkenswert. Aber es ist nicht, wie Niggemeier behauptet, von öffentlichem Interesse – auch wenn Niggemeier nachlegt und den Investigativen mimt. Es gibt daher keine Rechtfertigung, diese Erkenntnisse aus vertraulichen Daten pedantisch aufzuarbeiten und zu veröffentlichen. Trolle werden gelöscht, nicht geoutet.

Wer hier zwischen den Zeilen und auch draüber gelesen hat, wird ahnen, dass ich kein Niggi-Fanboy bin. Ich halte ihn für einen selbstgerechten Gutmenschen. Jahrelang ereifert er sich über den Boulevard, dass dort mutmaßliche Täter am Fließband geoutet werden. Jetzt ist der „Tatort Internet“ sein Blog, und da heißt es dann: An die Wand mit dem Troll.

Mehr Kummer
1. April 2010

Achtung, jetzt kommt eine Vorverurteilung: Mal wieder ist ein Kollege auf einem Ego-Trip an die Borderline vor die Wand gelaufen. Der an namhafter Journalistenschule ausgebildete und nun weiter studierende freie Journalist hatte zahlreiche launige Service-Geschichtchen bei namhaften Medien unterbringen können. Jetzt steht die Arbeitsweise des emsigen und noch nicht so ganz alten Kollegen in Frage.

Es steht der Vorwurf im Raum, Sebastian W. habe Zitate erfunden oder falsch zugeschrieben. Über das Gewerkschafts-Zentralorgan „Journalist“, das den Fall mit einer hastig veröffentlichten Meldung ins Rollen brachte, regt sich der Gralshüter des deutschen Qualitätsjournalismus und in der Blogosphäre beliebte Erbsenzähler Stefan Niggemeier auf. Zu Recht, wie ich einräumen muss – auch wenn sich Niggemeier zunächst schützend vor einen Autor stellt, der mal fürs Bild-Blog geschrieben hat. Was das DJV-Blättchen und die Journalistendarsteller bei „Meedia“ in der Sache „Sebastian W.“ abgezogen haben, ist mit „unterirdisch“ nur unzureichend beschrieben.

Trotz aller Empörung darüber legen die bisher bekannten Fakten den Verdacht doch ziemlich nahe, dass sich der begabte Nachwuchskollege einige seiner Expertenstatements aus anderen Quellen besorgt und sie erfundenen Personen zugeschrieben hat. Die entsprechenden Indizien hat Niggemeier selbst in seinem Blog zusammengetragen. Einen Überblick über die nicht vollständige Faktenlage des Falles, der auf Initiative zweier Verlage auch die Staatsanwaltschaft beschäftigt, versucht das Medium-Magazin.

Der so in Verdacht geratene Kollege, der nun fast eine Woche Zeit hatte, sich dazu zu äußern, hat das bisher nicht getan, inzwischen aber Rechtsanwälte eingeschaltet und lässt diese auf seiner Website dementieren: „Unser Mandant hat keine Zitate erfunden oder gefälscht“. W. erklärt, er selbst sei von einem angeblichen Kölner Anwalt namens Carsten Penkella, der sich als Experte angeboten habe, getäuscht worden.

Das erklärt nicht, was mit den anderen angeblichen Experten ist, die er zitiert haben will, deren Existenz bisher aber nicht nachgewiesen ist. Der oft verqueren Logik von Juristen folgend kann das Dementi zudem auch so gelesen werden, dass er die Zitate nicht gefälscht hat, weil sie ja tatsächlich so gefallen sind – nur in einem anderen Zusammenhang, von anderen Experten, gegenüber anderen Journalisten. Doch selbst wenn man den Rechtsverdrehern folgen möchte, bleibt das ein Verstoß gegen das erste Gebot des Journalismus: Wahrhaftigkeit.

Die bisherige Arbeit des Kollegen wirft darüber hinaus weitere Fragen auf: Wer sich mit redaktionellen Abläufen und dem Arbeitsverhältnis von Redakteuren und Freien ein bisschen auskennt, muss sich fragen, wo die Kontrolle geblieben ist. Wenn der ominöse Rechtsanwalt an W. herangetreten ist, warum hat er ihn dann nicht abgeklopft, wie es sein Job verlangt? Und was ist mit dem Fact-Checking in den Redaktionen der sogenannten Qualitätsmedien, die Spiegel und Welt ja auch online sein wollen? Zudem hat W. über ein Unternehmen geschrieben, für das er mal als Pressesprecher aufgetreten ist, und zitiert dessen Geschäftsführer. War das dem Auftraggeber klar? Warum wurde es dem Leser nicht transparent gemacht?

Für mich stellt sich der Fall inzwischen so dar: W. ist bei seinem Ausflug an die Borderline Ende vergangenen Jahres von den Kollegen bei Welt und/oder Spiegel erwischt worden. Die von Meedia veröffentlichte Pressemitteilung des angeblichen Kölner Juristen datiert vom März 2009 und soll W.’s Version der Geschichte offenbar untermauern. Die darauf angegebene E-Mail-Adresse gibt es laut Angaben des Providers gegenüber der Staatsanwaltschaft allerdings erst seit November 2009. Im Dezember hatten dann sowohl der Spiegel als auch die Welt Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt, um die Identität des vermeintlichen Experten zu enthüllen.

Stichworte für die weitere Lektüre: Stephen Glass, The New Republic

„Kummer bei Neon“
21. März 2010

Neues von der Borderline: Da hat also einer dieser narzisstisch gestörten Berufsjugendlichen von der Neon das begehrte Interview mit Beyoncé doch nicht bekommen und es kurzerhand einfach erfunden. Der dumme Zufall will, dass der in der Januar-Ausgabe veröffentlichte Beitrag dank der Fan-Blogosphäre den Sprung über die Sprachgrenze schafft und dem US-Management der Sängerin auffällt. Groß war deren Verwunderung, dass Madame ausgerechnet mit irgendsoeinem german hack über Butterpreise und Eheverträge plaudern sollte.

Das hätte so allerdings auch den Kontrollinstanzen bei der Neon auffallen müssen, in verantwortlicher Position wären da ein Textchef und zwei Chefredakteure zu nennen. Aber die Herren halten sich offenbar für sowas von die Crème des deutschen Hipster-Journalismus, dass es sie gar nicht gewundert hat, dass die ansonsten von einer geölten PR-Maschinerie luftdicht abgeschirmte Super-Beyoncé ausgerechnet einem der Ihren tiefe Einblicke in ihr Privatleben gewährt. Some common sense, anybody?

Bei der Neon meinen sie jetzt offenbar, mit der fristlosen Kündigung des Borderline-Reporters sei der Redaktionshygiene genüge getan. Ingo M. ist entsorgt, fünf weitere seiner Texte sollen Anlass zu Beanstandungen gegeben haben. Was mit dem Rest ist, weiß kein Mensch. Ein paar Stichworte für die Recherche, wie man mit sowas umgehen kann: Jayson Blair New York Times.

Interessant auch die Reaktionen der Kollegen. Die taz-Chefredakteuse suhlt sich in der blatt-typischen Selbstgerechtigkeit. Zwar hat sie nicht ganz Unrecht, wenn sie durch solche Ausflüge an die Borderline die Glaubwürdigkeit der ganzen Profession weiter untergraben sieht. Ein Lamento über den großen wirtschaftlichen Druck gerade auf der Arbeit freier Journalisten lesen zu müssen in einem Blatt, das auch seinen Festen kein branchenübliches Gehalt zahlt, ist befremdlich.

Noch besser kann es allerdings die Süddeutsche. Die verbindet die Causa Neon mit einer Breitseite auf den Verlag Gruner und Jahr und raunt was von einem „Problem“. Schließlich ist die Neon die Jugendpostille des G+J-Schlachtschiffs Stern. Und da war doch mal was mit diesen Hitler-Tagebüchern. Aha! Immerhin wagt es die SZ nicht, die näherliegende Geschichte zu unterschlagen: Tom Kummer, der Promi-Geschichten für das SZ-Magazin „frisiert und toupiert hatte„, wie es die SZ verniedlicht haben möchte. „Gefälscht“ wäre das richtige Wort, liebe Christina Maria Berr. Hast du ja schonmal richtig verwendet, weiter oben im Text.

Sountrack: Jay-Z, I got 99 problems but a bitch ain’t one.

Headline courtesy of Der Standard.

Full Disclosure
10. September 2009

Frau Dr. Bunz, ihres Zeichens Erstunterzeichnerin dieses nicht ganz so gut angekommenen Manifestes, hat ja nach ihrem mutmaßlich nicht ganz reibungsfreien Abgang beim Tagesspiegel Unterschlupf beim auch angeschlagenen Londoner Guardian gefunden, einer von mir durchaus geschätzten Zeitung. Uns Mercedes schreibt da über das Manifest, erwähnt ihre eigene Beteiligung en passant und freut sich über die internationale Beachtung in den Medien.

Und – oh my god – JEFF JARVIS hat es GETWITTERT! (That’s when Knüwer creamed his pants).

Kein Wort von dem heap of shit den die deutsche Blogosphäre gerade über unseren Manifest-Autoren auskippt. Kein Wort von der harten Kritik, der Häme, der kontroversen Diskussion. How’s that for professional journalism?

Immerhin geben unsere britischen Freunde in den Kommentaren eine Kostprobe ihres unvergleichlichen Humors. „It’s funny how the people keenest on ‚journalism manifestos‘ never actually do any“, bemerkt Kommentator Boombox nicht ohne Süffisanz. Woraufhin der als Bunzens Guardian-Kollege ausgewiesene Stephen Moss den gescholtenen teutonischen Bloggern beispringt:

That’s so unfair boombox. Sascha Lobo has been doing remarkable reportage from Kabul, Mario Sixtus has penetrated the tribal areas in Pakistan and filed a 200,000-word report on how Al-Qaida operates on his blog, and Thomas Knuewer is no doubt even now exposing commercial exploitation in the developing world, local government corruption in Dusseldorf and banking scandals across Europe. This is absolutely not just navel-gazing German theorising.

‚Nuff said.

Business as usual
24. Februar 2009

Vier Monate nach ihrem umrühmlichen Ableben sorgt Gruner’s Kampfblatt für besserverdienende Friseure „Park Avenue“ nochmal für ein kleines Skandälchen in Medienkreisen. Anlass für die mittlere mediale Erregungswelle ist eine voll olle Kamelle: Ein inzwischen ergänzter Blogeintrag der Huffington Post vom vergangenen Juli, der sich über den exklusiven Zugang der Park-Avenue-Autorin Steffi Kammerer zu Michelle Obama wundert. Die ließ daraufhin über ihr Team mitteilen, mit Kammerer nie gesprochen zu haben.

Aufgefallen ist das diesseits des Atlantiks nicht weiter. Lanu hat’s heute ausgegraben (Update: Gerade fische ich einen anonymen Hinweis auf die Huffpo-Geschichte aus dem Spam-Folder, Dank an ‚George Orwell‘). Was folgt ist ein Possenspiel deutscher Journalistendarsteller: Turi2 greift die Geschichte auf, Meedia schreit „Ente“ und Turi rudert mit einem winselnden „Sorry“ zurück. Während sich Lanu laut lachend zurücklehnt und das armselige Stück zu genießen scheint, möchte ich ausnahmsweise mal Niggemeier zitieren: Geht bitte sterben.

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