Ein Satz
16. September 2012

Es ist dieser eine Satz, der einem fast die Tränen in die Augen treibt. „Man mag sich gar nicht vorstellen, welche Durchschlagskraft das Team von Jogi Löw entfalten könnte, wenn dem Bundestrainer im offensiven – wahlweise auch im defensiven – Mittelfeld ein Spieler wie Kevin-Prince Boateng zur Verfügung stände“. Das schreibt Tim Jürgens in der Titelgeschichte der aktuellen „11 Freunde“ über den zum Superstar in der italienischen Serie A gehäuteten Ghetto-Prinzen aus dem Wedding.

Hierzulande darf man sich das beschriebene Szenario gar nicht vorstellen. Dafür sorgen schon der DFB und die in Sachen Nationalmannschaft seltsam gleichgeschaltete Sportpresse. Denn das Gedankenspiel mit Boateng als Chef im deutschen Mittelfeld offenbart die zentrale Schwäche des Nationalteams und den Grund, warum wir kein Halbfinale gegen Italien gewinnen – und mit dieser Mannschaft nie gewinnen werden.

In dieser Nationalmannschaft aus begabten Musterschülern fehlen Typen. Echte Straßenfußballer, die im entscheidenden Moment den Unterschied machen können. Die Italiener haben Balotelli, unsere Jungs machen dafür Werbung für Nutella. Unter Löw spielen aber nur spießige Streber. Dass Philipp Lahm unser Kapitän ist sagt eigentlich schon alles.

Das Kernproblem ist der Trainer. Als Oberspießer von Gnaden des DFB kam er schon mit dem gemäßigten Ego von Michael Ballack nicht klar – obwohl der auch ein Spießer ist. Löw bevorzugt Spieler, die sich bedingungslos ein- und unterordnen, die Klappe nicht aufreißen. Der von ihm nominierte Kader besteht ohne Zweifel aus hervorragenden Fußballern. Aber Jogis Milchschnitten-Bande wird keinen Pott holen. Es fehlt das unberechenbare Element. Jemand wie Prince.

Sportfernsehen
21. August 2010

Das Deutsche Sportfernsehen (DSF) heißt ja jetzt Sport1 und hat sich auch so ein total dynamisches On-Air-Design zugelegt, das total reinnervt. Als Zweitligist muss ich mich leider dran gewöhnen. Wenig gewöhnungsbedürftig fand ich die Zweitligaatmosphäre im Olympiastadion. Die war nämlich eher erstligareif. Kein Vergleich zu dem trostlosen Gekicke vor ein paar tausend Unentwegten, damals Mitte der 90er gegen die Spitzenteams aus Meppen, Wattenscheid oder Zwickau. 3:2 gegen Oberhausen vor 48.000 Fans ist doch schon mal ein Anfang.

Ghetto-Prinz
19. Mai 2010

Boateng hat Recht: Es wird mit zweierlei Maß gemessen. Der Irrsinn, den die hiesigen Medien gerade um den Ausfall des deutschen Käptens inszenieren (samt Infografik ‚Ballacks Fußverletzung‚), zeigt das deutlich. Wenn Ballacks Berater jetzt mögliche juristische Konsequenzen ins Spiel bringt, ist die Grenze zur Groteske endgültig überschritten.

Um das vorweg zu klären: Boatengs Foul war rüde, unsportlich und darf nicht toleriert werden. Ich gaube ihm, dass er Ballack nicht verletzen wollte. Aber er wollte ihn legen. Es war ein grobes Revanchefoul, nachdem Portsmouths Midfielder kurz zuvor mit der Lichtgestalt des deutschen Fußballs aneinander geraten war. Der hatte ihm die Andeutung einer Ohrfeige verpasst. Nichts, was einen Weddinger Jung wie Boateng beeindruckt hätte. Aber eine Geste der Arroganz und des Hochmuts, wie wir sie von Ballack schon häufiger gesehen haben.

Spielt aber auch keine Rolle: Denn das, was in den deutschen Medien jetzt gerne als „Wischer“ verniedlicht wird, ist eine Tätlichkeit. Ballack hätte danach nicht mehr auf dem Platz sein dürfen. Zweierlei Maß: Ballacks Verhalten auf dem Platz wird kaum thematisiert. Es ist ja nicht das erste Mal, dass sich der Fußballstar daneben benimmt. Das soll Boatengs Sense nicht rechtfertigen, aber wenn man mich fragt: Ballack just had it coming.

Boateng, der ja nicht zum ersten Mal auffällig geworden ist, hätte natürlich auch direkt vom Platz fliegen müssen. Das gleiche gilt allerdings für Torsten Frings, und da sind wir wieder beim zweifachen Maßband. Der Bremer hatte im deutschen Pokalfinale mal wieder einen seiner sporadischen Ausraster. Bei Frings, der ja per Übereinkunft einer der in jeder Beziehung „Guten“ ist (was ich nie verstanden habe), heißt es dann „übermotiviert“.

Unbezahlbar: Schweinsteigers Gesichtsausdruck, als ihn der Bremer im Tiefflug von hinten umnietet. Frings hat nur Glück gehabt, dass nicht auch Schweini jetzt im Gips neben dem Trainingsplatz steht. Aber ist ja gutgegangen, und der Boulevard drischt sowieso lieber auf den Asi aus dem Wedding ein. Ein Nationalspieler darf sich da schon mehr erlauben. Podolski zum Beispiel, dessen Sicherungskasten genauso kurzschlussanfällig ist wie der von Prince aus dem Ghetto. Prinz Poldi darf dem Kapitän im Länderspiel eine langen und danach weiter das schwarz-weiße Trikot tragen.

Boateng wird auf seine Herkunft reduziert (siehe auch: 11freunde). Daran ist er selbst nicht ganz unschuldig. Trotzdem ist das Ghetto-Image nur ein griffiges Stereotyp, das der Boulevard gerne aufgreift. Und das linksliberale Feuilleton guckt zwar etwas genauer hin, kann den exotistischen Blickwinkel aber nie ganz ablegen. Der Zeit-Artikel (via Jens Weinreich) über die Jungs von der Panke leidet zwar an sozialdemokratischem Lower-Class-Kitsch, ist aber trotzdem lesenswert. Darin klingt kurz ein anderes Problem an: dass in der Nationalmannschaft nur noch Milchschnitten spielen.

Ich sähe den Ghetto-Prinzen gerne wieder bei Hertha BSC.

Absteiger
12. Mai 2010

„Absteiger, Absteiger“, hallt es durch das vollbesetzte Olympiastadion. Gerade hat Hertha zwar den Ausgleich erzielt. Aber hier, schräg gegenüber der Ostkurve, hört man nur die Bayern-Fans, die gefühlt in der Überzahl sind. Mit ein paar anderen mürrischen Herthanern sitze ich inmitten rot-weißer Glückseligkeit. Der Bayernfan aus Pankow neben mir hat schon glasige Augen. „Warum bist’n du für Hertha, du bist doch gar nicht von hier“, fragt er. Er hat sofort erkannt, dass ich ein Zugezogener bin. Auch wenn das vor zwanzig Jahren war und ich seit über fünfzehn Jahren zu Hertha gehe, hat ihn das nicht überzeugen können. Dass er ja auch kein Bayer ist, irritiert ihn seltsamerweise nicht.

Meine Hoffnungen auf eine anständige Abschiedsvorstellung in der ersten Liga haben sich nicht erfüllt. Mit ein paar Ausnahmen – etwa Kobiaschwili, Pisczek, Ramos – wirkten die Berliner lustlos und ausgebrannt. Ein Großteil der Mannschaft schien mit dem Kapitel Hertha BSC schon abgeschlossen zu haben. Da war kein Wille spürbar, den Fans im letzten Spiel dieser desaströsen Saison noch einmal etwas zu bieten, etwas zurückzugeben für die bedingungslose Unterstützung während der vergangenen Monate. Die Ostkurve blieb entsprechend still, nur ab und an setzten sie den lärmenden Bayern etwas entgegen. Aber sie zeigten Größe und blieben im Stadion, als der Meister seine Trophäe in Empfang nahm.

Nach dem Abpfiff, während die Münchner ausgelassen auf die Übergabe der Schale warteten, machte sich eine Handvoll Herthaner auf den Weg in die Kurve, kam aber nicht über die Grundlinie heraus und drehte dann in Richtung Kabine ab. „Wir haben auf dem Weg zu den Fans gemerkt, dass es keine positiven Reaktionen auf die Verabschiedung geben wird. Darum haben wir umgedreht“, wird Arne Friedrich wenig später der BZ erklären. Was hat er erwartet? Den Fans wird es kaum helfen, dass der Nationalverteidiger ihre „Enttäuschung verstehen“ kann. Er geht nach Wolfsburg, sie in die zweite Liga.

Da unten ist es übrigens gar nicht so schlimm. (mehr …)

Abstieg
14. März 2010

Mit der unnötigen Heimpleite gegen Nürnberg dürfte auch der letzte Zweckoptimist begriffen haben, dass es für Hertha BSC Berlin am Ende der Saison nur einen Weg gibt: den in die zweite Liga. Und zwar ohne Umweg über den letzten Strohhalm Relegation. Natürlich müssen Gegenbauer, Preetz und Konsorten weiter Optimismus verbreiten, solange der Klassenerhalt rechnerisch noch möglich ist. Aber das Gesicht von Preetz nach dem späten Siegtor der Nürnberger sagt eigentlich alles: dem Manager ist in dem Moment schlagartig klar geworden, dass Hertha absteigen wird.

Auch Preetz trägt dafür die Verantwortung. Allerdings nicht alleine. Zudem war und ist sein Handlungspielraum eingeschränkt. Der lange Schatten von Dieter Hoeness liegt noch über dem Verein. Hertha zahlt einen hohen Preis für die Misswirtschaft der vergangenen Jahre und die absurde Autosuggestion der Verantwortlichen, die wohl tatsächlich geglaubt haben, man könne aus der alten Dame eine Gelddruckmaschine à la FC Bayern machen.

Den Jungs vom Hertha-Blog geht jetzt die Muffe, für die jüngeren Fans ist „1995“ ein echtes Horrorszenario. Been there, done that. Alles halb so wild. Zweite Liga kann auch Spaß machen. Allerdings braucht der Verein da erstmal eine Erneuerung. Preetz ist dafür immer noch der richtige Mann. Er sollte die Chance bekommen, den Karren auch wieder aus dem Dreck zu ziehen. Weil reingefahren haben ihn andere – zu allererst die Mannschaft.

Auf Funkel allerdings kann ich verzichten – wenig überraschend steht der Trainer zur Debatte. Die MoPo gibt ihm noch ein paar Tage. Wer kommt danach? Ich bin gegen einen Feuerwehrmann oder eine Übergangslösung. Wir brauchen eine Perspektive für die zweite Liga. Nur wer? Sverrisson oder Rekdal sind verlockende Lösungen, aber ich habe da meine Zweifel. Heine? Tretschok? Ich weiß es nicht.

Noch ein paar Worte zur medialen Entrüstung über die „Ausschreitungen„: Regt euch mal wieder ab. Das war ja nun nicht Heysel. Ein bisschen Ostkurve müsst ihr schon abkönnen, die steigen auch nur alle paar Jahre ab. (Und was Schäfer sich da geleistet hat, war vielleicht nicht ganz fein, gehört aber ebenso dazu.) Für die Clubführung ist es eine willkommene Abklenkung, sich jetzt mit den Hools zu beschäftigen. Da kann man die Planung für die zweite Liga noch ein bisschen liegen lassen.

Zweite Liga
29. November 2009

Kann mich nicht schocken, alles schon erlebt. Wer absteigt, kommt auch irgendwann wieder hoch. Auf das Gefühl kann man sich also jetzt schon mal freuen. Denn wenn nach einem Drittel der Saison ein Sieg und magere fünf Punkte in der Tabelle hinter „Hertha BSC“ stehen und davor die 18, muss man die bittere Realität anerkennen, dass es zum Klassenerhalt sehr wahrscheinlich nicht mehr reichen wird.

Aber da müssen wir durch. Was ein echter Hertha-Frosch ist, der ist Kummer gewohnt und wird auch das überleben. Da hat Enno schon ganz recht. Allerdings können einem die jüngeren Fans leid tun, die das Zweitliga-Feeling nur aus den Erzählungen ihrer Papis kennen. Ebenso wie das hier:

Jeht doch
6. November 2009

Domovchiyski und Wichniarek, wer hätte das gedacht.

(thx siptocran)

Favre
27. September 2009

Lucien Favre wird nach dem heutigen Debakel in Hoffenheim und dem einigermaßen unglücklichen Ausscheiden im Pokal gegen die Sechziger wohl nicht mehr zu halten sein, trotz aller Lippenbekenntnisse des Managers in den vergangenen Tagen. Es sei denn, Preetz und die Geschäftsführung ignorieren die ehernen Regeln des Profifußballs. Aber auch bei den Fans dürfte der Schweizer Trainer inzwischen jeden Bonus verspielt haben.

Das ist schade. Denn ich halte Favre tatsächlich für einen guten Trainer. Immerhin hat er schon gezeigt, dass er mit einem einigermaßen fähigen Kader außerordentliches zu leisten im Stande ist. Leider fehlt ihm das in dieser Spielzeit: ein einigermaßen fähiger Kader. Das Überraschungsteam der vergangenen Saison ist mit den Abgängen von Simunic, Woronin und Pantelic auseinandergefallen. Hertha fehlen die Ausnahmespieler, die für die innere Bindung sorgen könnten. Vor allem aber fehlt ein Sturm, der die Nüsse auch reinmacht – die Verpflichtung von Artur Wichniarek lässt da nicht gerade hoffen. Dennoch: Favre sollte eine Chance bekommen, in Ruhe weiterzuarbeiten.

Hertha zahlt jetzt die Zeche für die ganzen Jahre, in denen der Verein über seine Verhältnisse gelebt hat. Wer jemals eine Mitgliederversammlung in den 90er Jahren besucht hat, wird sich wie ich wundern, dass dieser Intrigantenstadel mit Kleingartendimension nicht schon längst implodiert ist. Preetz hat ein schweres Erbe angetreten. Aber der Lange hat bei den Fans (zumindest bei alten Säcken wie mir) einen Stein im Brett. Hoffentlich haben er und der Trainer auch die Zeit, die sie brauchen.

Update: Auch das Hertha-Blog bezieht Stellung pro Favre.

Gooool
29. August 2009

Fernduell
28. Februar 2009

Am Samstag liefern sich Hoffenheim (in Dortmund) und Hertha (gegen Schlusslicht Gladbach) ein Fernduell um die Tabellenführung.

Sowas im Kicker lesen zu können macht irgendwie Spaß.