Hauptstadtjournaille
3. April 2011


(Video courtesy of Carta)

Über das Twittergate der sog. Hauptstadtjournalisten wurde ja schon allerhand geschrieben (auch bei Knüwer, Jak und Don). Kurzfassung: Große Empörung, weil sich Regierungssprecher Seibert (@RegSprecher) erdreistete, den USA-Besuch Merkels zu twittern, anstatt den Termin in einem versiegelten Umschlag der Bundespressekonferenz untertänigst persönlich zu überbringen.

Natürlich muss sich die Berliner Baggage jetzt jede Menge Spott anhören – wie doof und von gestern die sind, Internet nicht verstanden, Twitter schon gar nicht. Dabei ist diese lächerliche Erregung des Medien-Establishments vor allem Ausdruck einer tiefen Verunsicherung. Die Hauptstadt-Journaille, die sich selbst als die Elite ihrer Profession versteht, wird die narzisstische Kränkung durch dieses Internet nie verwinden.

Das Netz hat die alten Säcke von der Presse ihrer Deutungshoheit beraubt. Sie sind nicht mehr die Gatekeeper, die Agenda-Setter, die darüber entscheiden, was wichtig ist und worüber die Republik diskutiert. Denn es gibt da dieses neue Medium und auf einmal ist die Arbeit, der Spin, die eigene Agenda transparent und überprüfbar. Die eingebildete Wichtigkeit wird unterminiert. Plötzlich sieht man sich massiver Kritik ausgesetzt – unerhört, denn der Journalist sollte doch der Kritiker sein, der den Finger allwissend in die offene Wunde legt.

Aber anstatt das als Chance zu begreifen und die bundesrepublikanische Presse weiterzuentwickeln, übt sich das Medien-Establishment in Omertà. Im Hauptstadtjournalismus herrscht eine ausgeprägte Wagenburgmentalität. Wenn dann jemand wie der Regierungssprecher, den man bisher als Mitglied der ehrenwerten Familie betrachtet hat, von der Fahne geht, ist das natürlich besonders kränkend. They won’t ever get over themselves.

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Shitstorm
20. Januar 2011

Ich seh das ja ein bisschen anders als der Herr Vatter. Mir würde nicht im Traum einfallen, die seichte Erregungswelle, die da gerade durch die deutsche Blogosphäre schwappt, in irgendeine Beziehung zu der Ölflut im Golf von Mexico zu setzen. Und mit Zensur hat das nun schon gar nichts zu tun. Dem lieben René wurde ja nicht die Möglichkeit genommen, weiter das Internet vollzuschreiben. Sondern nur die Adresse, unter der er das bisher getan hat. Jetzt hat er eben eine neue. Da kann er sich schön in abgeschmackten Rebellenposen üben.

Die paar Äußerungen, auf die das in solchen Angelegenheiten erwiesenermaßen nicht zimperliche Unternehmen angesprungen ist, und die den Stein erst ins Rollen brachten, zeigen doch vor allem, dass der schöne René genau wusste, mit wem er es zu tun hat. Das Ganze ist wohl doch eher nur „der folgenreiche Fauxpas eines Blogger-Deppen, der zu blöd war, seine Rechnungen zu bezahlen“ (Vatter). Also braucht Herr Nerdcore jetzt nicht rumzuheulen und feixend auf den Shitstorm zu warten, der diese Düsseldorfer Webdesign-was-auch-immer-Bude aus dem Internet spült. An alle, die mitquirlen: Grow a pair, and grow up.

Narzissmus
2. Dezember 2010

Tatort Internet
24. Oktober 2010

Verlegersohn Konstantin Neven DuMont verlässt den Vorstand. Deutsche Blogger in Extase: Wieder hat die aufrechte Blogosphäre (mit einigen rühmlichen Ausnahmen), allen voran ihr Leitwolf und seine Fanboys, einen von denen zur Strecke gebracht. Sixtus gratuliert Niggemeier zu seinem Hit Piece: „Herr @niggi hat eine neue Kerbe in seinem Revolver“. Und diese Herren nennen sich Journalist.

Offenbar hat der Verlegersohn oder jemand, der seinen Computer benutzt hat, unter ziemlich vielen verschiedenen Pseudonymen bei Niggemeier extrem herumgetrollt. Dem Hausherr des Blogs war aufgefallen, dass die verschiedenen Kommentatoren eine IP- und E-Mail-Adresse teilen.

Sollte das tatsächlich Neven DuMont gewesen sein, ist das sicher bemerkenswert. Aber es ist nicht, wie Niggemeier behauptet, von öffentlichem Interesse – auch wenn Niggemeier nachlegt und den Investigativen mimt. Es gibt daher keine Rechtfertigung, diese Erkenntnisse aus vertraulichen Daten pedantisch aufzuarbeiten und zu veröffentlichen. Trolle werden gelöscht, nicht geoutet.

Wer hier zwischen den Zeilen und auch draüber gelesen hat, wird ahnen, dass ich kein Niggi-Fanboy bin. Ich halte ihn für einen selbstgerechten Gutmenschen. Jahrelang ereifert er sich über den Boulevard, dass dort mutmaßliche Täter am Fließband geoutet werden. Jetzt ist der „Tatort Internet“ sein Blog, und da heißt es dann: An die Wand mit dem Troll.

Mehr Kummer
1. April 2010

Achtung, jetzt kommt eine Vorverurteilung: Mal wieder ist ein Kollege auf einem Ego-Trip an die Borderline vor die Wand gelaufen. Der an namhafter Journalistenschule ausgebildete und nun weiter studierende freie Journalist hatte zahlreiche launige Service-Geschichtchen bei namhaften Medien unterbringen können. Jetzt steht die Arbeitsweise des emsigen und noch nicht so ganz alten Kollegen in Frage.

Es steht der Vorwurf im Raum, Sebastian W. habe Zitate erfunden oder falsch zugeschrieben. Über das Gewerkschafts-Zentralorgan „Journalist“, das den Fall mit einer hastig veröffentlichten Meldung ins Rollen brachte, regt sich der Gralshüter des deutschen Qualitätsjournalismus und in der Blogosphäre beliebte Erbsenzähler Stefan Niggemeier auf. Zu Recht, wie ich einräumen muss – auch wenn sich Niggemeier zunächst schützend vor einen Autor stellt, der mal fürs Bild-Blog geschrieben hat. Was das DJV-Blättchen und die Journalistendarsteller bei „Meedia“ in der Sache „Sebastian W.“ abgezogen haben, ist mit „unterirdisch“ nur unzureichend beschrieben.

Trotz aller Empörung darüber legen die bisher bekannten Fakten den Verdacht doch ziemlich nahe, dass sich der begabte Nachwuchskollege einige seiner Expertenstatements aus anderen Quellen besorgt und sie erfundenen Personen zugeschrieben hat. Die entsprechenden Indizien hat Niggemeier selbst in seinem Blog zusammengetragen. Einen Überblick über die nicht vollständige Faktenlage des Falles, der auf Initiative zweier Verlage auch die Staatsanwaltschaft beschäftigt, versucht das Medium-Magazin.

Der so in Verdacht geratene Kollege, der nun fast eine Woche Zeit hatte, sich dazu zu äußern, hat das bisher nicht getan, inzwischen aber Rechtsanwälte eingeschaltet und lässt diese auf seiner Website dementieren: „Unser Mandant hat keine Zitate erfunden oder gefälscht“. W. erklärt, er selbst sei von einem angeblichen Kölner Anwalt namens Carsten Penkella, der sich als Experte angeboten habe, getäuscht worden.

Das erklärt nicht, was mit den anderen angeblichen Experten ist, die er zitiert haben will, deren Existenz bisher aber nicht nachgewiesen ist. Der oft verqueren Logik von Juristen folgend kann das Dementi zudem auch so gelesen werden, dass er die Zitate nicht gefälscht hat, weil sie ja tatsächlich so gefallen sind – nur in einem anderen Zusammenhang, von anderen Experten, gegenüber anderen Journalisten. Doch selbst wenn man den Rechtsverdrehern folgen möchte, bleibt das ein Verstoß gegen das erste Gebot des Journalismus: Wahrhaftigkeit.

Die bisherige Arbeit des Kollegen wirft darüber hinaus weitere Fragen auf: Wer sich mit redaktionellen Abläufen und dem Arbeitsverhältnis von Redakteuren und Freien ein bisschen auskennt, muss sich fragen, wo die Kontrolle geblieben ist. Wenn der ominöse Rechtsanwalt an W. herangetreten ist, warum hat er ihn dann nicht abgeklopft, wie es sein Job verlangt? Und was ist mit dem Fact-Checking in den Redaktionen der sogenannten Qualitätsmedien, die Spiegel und Welt ja auch online sein wollen? Zudem hat W. über ein Unternehmen geschrieben, für das er mal als Pressesprecher aufgetreten ist, und zitiert dessen Geschäftsführer. War das dem Auftraggeber klar? Warum wurde es dem Leser nicht transparent gemacht?

Für mich stellt sich der Fall inzwischen so dar: W. ist bei seinem Ausflug an die Borderline Ende vergangenen Jahres von den Kollegen bei Welt und/oder Spiegel erwischt worden. Die von Meedia veröffentlichte Pressemitteilung des angeblichen Kölner Juristen datiert vom März 2009 und soll W.’s Version der Geschichte offenbar untermauern. Die darauf angegebene E-Mail-Adresse gibt es laut Angaben des Providers gegenüber der Staatsanwaltschaft allerdings erst seit November 2009. Im Dezember hatten dann sowohl der Spiegel als auch die Welt Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt, um die Identität des vermeintlichen Experten zu enthüllen.

Stichworte für die weitere Lektüre: Stephen Glass, The New Republic

„Kummer bei Neon“
21. März 2010

Neues von der Borderline: Da hat also einer dieser narzisstisch gestörten Berufsjugendlichen von der Neon das begehrte Interview mit Beyoncé doch nicht bekommen und es kurzerhand einfach erfunden. Der dumme Zufall will, dass der in der Januar-Ausgabe veröffentlichte Beitrag dank der Fan-Blogosphäre den Sprung über die Sprachgrenze schafft und dem US-Management der Sängerin auffällt. Groß war deren Verwunderung, dass Madame ausgerechnet mit irgendsoeinem german hack über Butterpreise und Eheverträge plaudern sollte.

Das hätte so allerdings auch den Kontrollinstanzen bei der Neon auffallen müssen, in verantwortlicher Position wären da ein Textchef und zwei Chefredakteure zu nennen. Aber die Herren halten sich offenbar für sowas von die Crème des deutschen Hipster-Journalismus, dass es sie gar nicht gewundert hat, dass die ansonsten von einer geölten PR-Maschinerie luftdicht abgeschirmte Super-Beyoncé ausgerechnet einem der Ihren tiefe Einblicke in ihr Privatleben gewährt. Some common sense, anybody?

Bei der Neon meinen sie jetzt offenbar, mit der fristlosen Kündigung des Borderline-Reporters sei der Redaktionshygiene genüge getan. Ingo M. ist entsorgt, fünf weitere seiner Texte sollen Anlass zu Beanstandungen gegeben haben. Was mit dem Rest ist, weiß kein Mensch. Ein paar Stichworte für die Recherche, wie man mit sowas umgehen kann: Jayson Blair New York Times.

Interessant auch die Reaktionen der Kollegen. Die taz-Chefredakteuse suhlt sich in der blatt-typischen Selbstgerechtigkeit. Zwar hat sie nicht ganz Unrecht, wenn sie durch solche Ausflüge an die Borderline die Glaubwürdigkeit der ganzen Profession weiter untergraben sieht. Ein Lamento über den großen wirtschaftlichen Druck gerade auf der Arbeit freier Journalisten lesen zu müssen in einem Blatt, das auch seinen Festen kein branchenübliches Gehalt zahlt, ist befremdlich.

Noch besser kann es allerdings die Süddeutsche. Die verbindet die Causa Neon mit einer Breitseite auf den Verlag Gruner und Jahr und raunt was von einem „Problem“. Schließlich ist die Neon die Jugendpostille des G+J-Schlachtschiffs Stern. Und da war doch mal was mit diesen Hitler-Tagebüchern. Aha! Immerhin wagt es die SZ nicht, die näherliegende Geschichte zu unterschlagen: Tom Kummer, der Promi-Geschichten für das SZ-Magazin „frisiert und toupiert hatte„, wie es die SZ verniedlicht haben möchte. „Gefälscht“ wäre das richtige Wort, liebe Christina Maria Berr. Hast du ja schonmal richtig verwendet, weiter oben im Text.

Sountrack: Jay-Z, I got 99 problems but a bitch ain’t one.

Headline courtesy of Der Standard.

Pimmelgate
20. November 2009

Okay, die Geschichte mit dem Prozess war ja noch ganz lustig: taz veröffentlicht eine Satire über die angeblich missglückte Schwanzverlängerung von Kai Diekmann. Der Bild-Chef, damals noch mit weniger Humor, zieht vor Gericht und die taz zwar den Kürzeren (gnihihi), kostete das in der Berichterstattung aber voll aus. Epic Win.

Sie hätten es dabei belassen sollen.

Aber die taz musste ja nachlegen. Und beweist mit der Phallusfassadenkunst am Stammsitz, vis-a-vis des Springer-Hochhauses, dass die Linke irgendwann nach 68 ihren Humor verloren hat. Wenn sie den jemals hatten. Klar war Dutschke auch zum Schießen, aber doch irgendwie nur unfreiwillig.

Der Mann mit dem Riesendödel soll wohl Diekmann sein, obwohl der Bild-Boss in dem Schwanzträger eher taz-Anwalt Jony Eisenberg zu erkennen meinte. Das hätte ich jetzt nicht sagen dürfen, weil sie bei der taz erst zum Lachen in den Keller und dann direkt zum Onkel Richter gerannt sind, der dem Diekmann wohl verboten hat, sowas seinen geilen Vorzimmermiezen ins Blog zu diktieren.

Diekmann macht die Geschichte trotzdem einen Höllenspaß. In seinem Blog hat er, was Amis gemeinhin einen field day nennen. Ganz die Hände in den Schoß gelegt (muhuhuhuu) hat er aber wohl nicht, sondern zudem eine außerordentliche Genossenschaftsversammlung eingefordert. Als taz-Genossenschafter darf er das. Würde mich auch nicht wundern, wenn die heutige taz-Sonderausgabe „Wir sind Schwanz“ in der Donnerstagnacht in Spandau gedruckt wurde.

Diekmann musste sich nur zurücklehnen und abwarten, bis bei der taz die Reflexe anspringen. Die neue Chefredakteuse brauchte nicht lange, um deutlich zu machen, dass ihr der phallische Fassadenschmuck am neuen Arbeitsplatz gemächtigst auf den Sack geht (muhaahaha). Auch die anderen Gutmenschen an der Rudi-Dutschke-Straße wollen den Phall (pruuuuust) lieber schnell erledigt wissen. Jetzt haben die alten taz-Granden ein Machtwort gesprochen. Schluss mit Lustig , der Pimmel kommt wech, samt Nüssen. Da kennen die keinen Spaß.

Neger
26. Oktober 2009

Wallraff begreift es nicht. Mit seiner jüngsten „Undercover“-Aktion beschädigt der „Journalist“ nicht nur sein in Teilen immerhin respektables Lebenswerk, sondern er demaskiert sich selbst. Wallraff geht es vor allem auch um Wallraff. Und der ist irgendwo in den 80ern stecken geblieben.

Wallraffs neue Nummer versagt gleich auf mehreren Ebenen. Als eitler weißer Mann mit ein bisschen Schuhwichse im Gesicht maßt er sich an, die Erfahrungen von Dunkelhäutigen in Deutschland nachvollziehen zu können. Dabei gibt er in bester Kolonialherrenmanier den wilden Buschneger und geht den Leuten ziemlich auf den Sack.

Damit kommen wir zum zentralen Konstruktionsfehler dieser „Enthüllungsgeschichte“: Wallraffs Maskerade ist so durchsichtig, dass sie wohl nur bei minderbemittelten Landeiern zieht. Oder eben als Maskerade enttarnt wird und deshalb abweisende Reaktionen hervorruft. Er schießt sich damit selbst in den Fuß.

Wenn der Gutmenschenjournalist die ganze Aufregung und sie Kritik aus der Black Community nicht versteht, empfehle ich einen Blick über den großen Teich. Dort gab es jüngst eine heftige Auseinandersetzung über Fotos in der „Supermodel“-Ausgabe der französischen Vogue. Schwarze Models sucht man darin vergeblich, dafür gibt es ein weißes Mädchen schwarz getüncht. Aus rein „künstlerischen“ Gründen natürlich.

Ob sich Wallraff über die Vogue erregt hätte? Für das Verständnis der historischen Topoi „Blackface“ und „Minstrel“ jedenfalls reichen seine 68er-Sensibilitäten nicht.

Stylaz and Guidos
9. September 2009

In Mitte laufen wieder mehr Männer mit korrekten Kurzhaarschnitten durch die Straßen. Das ist Ausdruck einer modischen Absetzbewegung, nötig geworden durch die Usurpation der Street-Fashion durch den Mainstream. Streetwear wird jetzt von metrosexuellen Provinznüssen getragen. Deren Neuinterpretation der Street Culture gibt es längst auch bei Kik. Wenn ein Modetrend beim Discounter in der Provinz angekommen ist, ist er tot.

Dass inzwischen sogar der jeglicher Nähe zum homosexuellen Milieu weitgehend unverdächtige männliche Nachwuchs der Familien mit Migrationshintergrund effeminierte Frisuren und Styles trägt, für die ihre großen Brüder vor einigen Jahren noch jeden vermöbelt hätten, ist nur eine ironische Randnotiz der Kulturgeschichte. Stylaz and Guidos.

Frisurentechnisch ist der kunstvoll unfrisierte, aber ursprünglich noch einigermaßen dezente Mitte-Bop auf dem Kopf zahlreicher C-Promis zu einem explodierten toten Tier mutiert und deshalb Grund für eine Rückbesinnung auf das, was ein alter Weddinger Friseur mal den tschechischen Militärschnitt nannte. Er kannte keinen anderen. Mein türkischer Coiffeur macht ihn übrigens ohne Fassong, was ich sehr begrüße.

Zentraler Eckpfeiler
9. September 2009

Zu dem tollen Manifest sag ich jetzt mal nichts, das haben andere schon übernommen. Nur eins: Es sind wieder die üblichen Verdächtigen.