Piraten
24. September 2011

In ihrer Reaktion auf den überraschend deutlichen Erfolg der Piraten bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus zeigt sich einmal mehr, wie sehr die deutsche Journaille ein Teil des Politbetriebs geworden ist. Deutsche Politikberichterstatter sind offenbar nicht mehr in der Lage, außerhalb der engen Grenzen zu denken, die das Parteien-Establishment vorgibt. Eine Partei, die genau diese Grenzen sprengen will und damit auch anfängt, wird deshalb von der willfährigen Medienmeute gescholten (und mit abgeschmackten Metaphern beschrieben).

Schon geilt sich die Presse daran auf, dass sich die Piraten öffentlich über die Besetzung des Fraktionsvorsitzes zanken. Dem Maßstab der alten Parteien folgend wäre das eine Nachricht: Das Polit-Establishment zeigt sich in offiziellen Verlautbarungen immer als Einheit, um danach die massiven Differenzen in Hinterzimmergesprächen an die Journalisten „durchzustechen“. Die Piraten tragen ihren Disput nicht verdeckt aus und beweisen damit die Transparenz, die sie einfordern. Von den Medien wird das nicht honoriert: Wären alle Parteien so, bröckelt die Gatekeeper-Funktion der Hinterzimmerreporter weiter ab.

Es sind zu wenig Frauen auf der Landesliste. Das stimmt – und liegt sicher an verschiedenen Faktoren. Vielleicht duschen die Piraten-Jungs nicht oft genug. Was die mehrheitlich mittelalten Hauptstadtjournalisten, geprägt von einer Jahrzehnte währenden grünlackierten Sozialdemokratisierung, nicht verstehen können: Es gibt ein Leben ohne Frauenquote. Gleichberechtigung kann auch bedeuten, sich seinen Platz einfach nehmen zu können, ohne dass jemand von oben für ausgeglichene Verhältnisse sorgen muss.

Mann kann kritisieren, dass die Piraten das Milieu des gebildeten weißen Mittelstands-Nerds repräsentieren und damit alles andere als eine Volkspartei sind – wobei ich von der Journaille dann erwarte, dass sie bei SPD und CDU/CSU einmal genau hinschaut, wer da eigentlich wen repräsentiert. Die FDP repräsentiert ja mittlerweile eigentlichen niemanden mehr.

Und die Grünen sind die Partei der besserverdienenden Weltverbesserer. Schön, dass bei den Grünen auch Leute twittern und Bärbel Hohn auch Internet guckt. Leider haben sie davon total keine Ahnung. Sie sind die Partei der verspießten Eltern unserer jungen Piraten, die keinen Bock mehr auf Bevormundung haben, egal wie gut gemeint sie ist.

Die Alarmglocken schrillen deshalb vor allem bei den Grünen und der FDP: Die Piraten machen sichtbar, dass die Spontis von früher das Establishment von heute sind. Und dass die latent technikfeindlichen Ökopaxe auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nur Antworten aus den 80er Jahren haben. Und der FDP gehen die Piraten mit ihrer Interpretation bürgerlicher Freiheiten an den liberalen Kern, den Karrierepolitiker wie Westerwelle, Rösler und Lindner an Hoteliers verhökert haben.

Ob die Piraten auf Dauer wählbar sind, müssen sie jetzt beweisen. Eines sollten sie aber ganz schnell ablegen: Den herablassenden Habitus des Internetverstehers. Die Arroganz, die sie derzeit gegenüber Establishment und Medien an den Tag legen, steht ihnen nicht gut. Denn die jungen Herren mögen es sich nicht vorstellen können, aber das Internet haben sie nicht zuerst entdeckt. Die Pioniere des Netzes sind ein paar Jahre älter als sie, und verstehen auch was von dem Zeugs. Und sie können wählen gehen – auch wenn wir es nicht immer machen.

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