Marinagate
11. November 2012

Ich sehe keinen Grund, Marina Weisband nicht zu glauben. Die Ex-Piratenfunktionärin wirft dem Spiegel und dessen Autorin Merlind Theile vor, sie grob sinnentstellend zitiert zu haben. In ihrem Blog beschreibt Weisband den Austausch mit der Spiegelette so:

[Theile:] „Nehmen die Rufe nach Ihnen zu?“ [Weisband:] „Es sind hauptsächlich Mentions auf Twitter, in letzter Zeit schon mehr“. […] Oder sie fragt: „Aber wäre es nicht das Beste für die Piraten, wenn Sie kandidieren?“ Und ich antworte kopfschüttend: „Für die Piraten mag es vielleicht das Beste sein, aber für mich? Ich weiß nicht, ob ich für den Politikbetrieb gemacht bin.“

Theile macht daraus im Spiegel:

Marina Weisband, die sich vor einem halben Jahr von der Parteispitze zurückgezogen hatte, sagte dem SPIEGEL, dass der Druck auf sie wachse: „Die Rufe nach mir nehmen zurzeit sehr zu.“ Weisband erwägt nun eine Rückkehr in die Bundespolitik. „Für die Piraten wäre es wohl das Beste, wenn ich wieder antreten würde“, sagte sie. „Es gibt keine Fraktion, die mich scheiße findet. Und mit 33.000 Followern auf Twitter bin ich die Piratin mit der größten Reichweite.“

Als Journalist muss ich leider sagen: Das ist typisch für viele Journalisten, und insbesondere für den Spiegel. Es geht um den richtigen Spin, eine gute Story. Sperrige Fakten werden ignoriert, Zitate zurechtgebogen und zugunsten der Narrative in den „richtigen“ Kontext gesetzt. Besonders zu beobachten bei – auch männlichen – „Was mit Medien“-Tussen, für die Journalismus nicht mehr ist als eine Karriereoption und der Türöffner zu irgendwelchen roten Teppichen.

Weisband hätte es allerdings besser wissen können, dafür ist sie lange genug im Geschäft. Es gibt eine einfache Grundregel: Wer nichts Falsches über sich im Spiegel lesen will, trifft sich nicht mit Spiegeltussen im Café. Und fragt nicht, „was für ein Gespräch das sei“, sondern macht eine klare Ansage: „Dieses Gespräch ist komplett off the record“. Oder eben „unter drei„, wie sie es in Berlin zu sagen pflegen. Daran sollten sich auch Journalistendarstellerinnen vom Spiegel halten. Als Besetzung für die verfolgte Unschuld vom Lande taugt Weisband hier also nicht.

Trotzdem hat der Spiegel nicht Recht. Wenn die Unterhaltung so abgelaufen ist, wie Weisband es schildert, hat Theile die Piratin falsch wiedergegeben. Zitate sollten als Teil für das Gesagte stehen, nicht aus dem Kontext gerissen und dem Spin der Geschichte untergeordnet werden. Das ist schlicht unseriös.

Die Replik von Theile im Spiegel-Blog war zunächst mit „Marina Weisbands falsche Vorwürfe gegen den Spiegel“ überschrieben – als sei die Piratin eine Wiedergängerin von F.J. Strauß und führe „The Return of Spiegelaffäre“ auf. Das war ihnen hinterher dann doch wohl ein bisschen peinlich. Jetzt steht da nur noch „Von wegen nicht autorisiert: Antwort auf Marina Weisband“.

Dieser massive Gegenschlag des „Sturmgeschützes der Demokratie“ in seinem neuen Blog ist, darauf hat Markus Kompa bereits hingewiesen, ein „non-denial denial“: Der Spiegel stellt sich nicht dem Vorwurf der Sinnentstellung, sondern beharrt darauf, die Zitate seien schließlich „autorisiert“ worden. Das mag stimmen, doch geht es darum nicht: Auch autorisierte Zitate lassen sich aus dem Kontext reißen.

Abzüge in der Haltungsnote gehen an Niggemeier und seine Nachlassverwalter beim Bildblog. Sonst sieht man die immer in der ersten Reihe, mit dem Finger auf Journalisten zeigend – solange die auf Niggemeiers überschaubarer politischer Landkarte vom falschen Ufer kommen. Niggemeier selbst gibt die Schweiz und hat sich im Blog seines neuen Brötchengebers eine kleine Medienschau abgerungen. Das Bildblog hat die Geschichte erst mit dem schlappen Spiegel-Dementi aufgegriffen. Hauptsache, ihr erklärt den Losern von der Bild, wie das mit der Chartplatzierung von Sam Leigh-Brown ist.

Staatsradio
12. August 2012

Das Problem ist offensichtlich. Ich versuche es mal ohne Polemik zu beschreiben: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖR) in Deutschland wird mit von der Bevölkerung eingezogenen Gebühren bezahlt, über deren Größenordnung und Verteilung politisch besetzte Gremien entscheiden. Er hat per Definition unabhängig und überparteilich zu sein. Diese Unabhängigkeit soll nun aber ausgerechnet dadurch garantiert werden, dass in den entscheidenden Gremien die Vertreter von allen möglichen Interessengruppen sitzen, unter anderem der politischen Parteien.

Der ÖR ist damit schon per Konstruktion verschiedenen Einflüssen und der Gefahr der Einflussnahme ausgesetzt. Begünstigt wird das durch den Umstand, dass die Sender wie Behörden geführt werden und Apparatschiks dort Karriere machen. Dass es diese Versuche der politischen Einflussnahme gibt und wie kurz der Draht auch von Politikern aus der zweiten Reihe in die Redaktionen ist, zeigen exemplarisch zwei unappetitliche Geschichten der letzten Tage, in deren Zentrum jeweils die Institution Deutschlandfunk (DLF) steht.  (mehr …)

Fuck you
18. Juni 2012


Fuck you, Uefa. And shame on you, ARD/ZDF. Der europäische Fußballverband schickt uns geschönte Bilder aus Polen und der Ukraine, damit auch nicht der kleinste Misston die schönen Spiele trüben möge. Die Uefa denkt sich, wenn wir schon in der Ukraine sind, können wir denen gleich mal zeigen, wie das geht mit der Macht der Bilder. Kein durchgeknallter Ost-Diktator nimmt es da mit Fußballfunktionären auf. Und unsere öffentlich-rechtlichen Qualitätsjournalisten jammern jetzt pro forma ein bisschen rum, lassen sich aber bei nächster Gelegenheit wieder von Verbandsmafiosi wie Platini und Blatter am Nasenring durch die Manege führen.

Nicht die kleinste Kleinigkeit soll das Fest der Nationen stören. Von den Femen-Girls, die sich vor den Stadien nackig machen und sich dafür von ukrainischen Junta-Schergen verprügeln lassen müssen, ganz zu schweigen. Ein völlig harmloses Plakat, ein Flitzer, ein paar Bengalos, von kroatischen Fans auf den dunkelhäutigen Italiener Bolatelli geworfene Bananen – all das will die Uefa nicht sehen, und da sie die Bilder selbst produziert und damit kontrolliert, sehen wir sie auch nicht. Lieber schneiden die Bildmanipulatoren putzige Inserts vom Nachmittag in die „Live“-Übetragung.

ARD und ZDF regen sich jetzt ein bisschen darüber auf, um nicht völlig ihr Gesicht zu verlieren. I got news for you: Die Uefa macht das, weil sie es kann. Weil ihr sie lasst. Weil ihr nie die Eier haben werdet, euch gegen die mächtigen Fußballverbände wirklich aufzulehnen. Boykott? Könnt ihr nicht, von wegen Informationsauftrag und so, wie praktisch. Ihr habt eigene Kameras im Stadion, mit denen ihr die schöne neue Fußballwelt etwas demaskieren könntet. Aber die braucht ihr ja, um Jogi beim Nasepopeln einzufangen. Und dann müsst ihr schnell zu Waldi nach Leipzig schalten, der mit Matze Knop die erste Strophe der Nationalhymne singt – ach nee, ‚tschuldigung, das war „Wir sind die Besten in Europa“.

Aber wir wollen Politik und Sport ja nicht vermengen, nicht wahr, Olli Kahn? Das geht ja nicht. Geht doch, muss sogar. Der Sport hat 1936 seine politische Unschuld verloren. Wenn man ein Ereignis wie die Europameisterschaft in der Ukraine abhält, erwarte ich mehr als den gelegentlich im Nebensatz eingeschobenen Hinweis auf die Menschenrechtssituation. Aber das würde die heiteren Spiele ja wirklich stören. Lieber witzeln sich unsere öffentlich-rechtlichen Qualitätsjournalisten routiniert durch ihre EM-Sendungen. Ich freue mich schon auf die WM in der Vorzeigedemokratie Katar.

Öffentlich-rechtliches Ego
10. September 2011

Im Berliner Wahlkampf zeigt sich wieder die ganze Schönheit eines öffentlich-rechtlichen Dogmas, das für den geschundenen Zuschauer eigentlich nur als Zumutung bezeichnet werden kann: Wahl ist Chefsache. Einmal in der Legislaturperiode erheben Chefredakteursdarsteller oder Programmdirektösen ihren Hintern aus dem Ledersessel und wagen sich auf unbekanntes Territorium: Ein Fernsehstudio. In diesem Fall eines des RBB.

Da sollen sie dann die Kandidaten grillen, damit der dumme Zuschauer auch weiß, was er zu wählen hat. Nun hat die Hauptstadt das ungeheure Glück, dass die zuständige Landesrundfunkanstalt von ausgeprägter Scharchigkeit ist. Mit einer offenen Debatte aller Spitzenkandidaten wollte man die beiden zur Moderation auserkorenen verdienten Führungskräfte wohl nicht überfordern und setzte stattdessen auf zwei One-on-Ones des Regierenden gegen seine Herausforderer Frank Henkel (CDU) und Renate Künast (Grüne).

Doch auch dieses Szenario hielt für Christoph Singelnstein (Chefredakteur des Rundfunk Berlin-Brandenburg) und Claudia Nothelle (Programmdirektorin) noch genügend Herausforderungen bereit. Die Moderatoren haspelten sich von einem Tagesordnungspunkt zum nächsten, vorgegeben von einem virtuellen Stadtplan, aus dem sich die Kandidaten wie bei einem Fernsehquiz aus den 70ern einen Bezirk aussuchen durften. Klaus Wowereit: „Reinickendorf 100 bitte, Herr Thoelke“.

Die arroganten Alphamännchen Wowereit und Henkel haben mit den beiden Moderatoren den Boden gewischt. Auch im Duell zwischen dem Regierenden und Künast vergaben die beiden „sprachlich rumpelnden und unsicheren“ RBB-Chefs „journalistische Großchancen“, wie es der Tagesspiegel beschreibt. Dabei hat der Sender erfahrene Moderatoren, die den täglichen Umgang mit Berliner Provinzpolitikern gewöhnt sind, zum Beispiel Sascha Hingst oder Cathrin Böhme. Aber die verdienten Abenschau-Gesichter mussten zurückbleiben, weil ihre Chefs ein Ego zu streicheln hatten. Und der Zuschauer guckt in die Röhre.

Bei der Gelegenheit mal Props für Renate Künast, die ich nun wirklich nicht im Roten Rathaus sehen möchte. Aber dass sie angesichts der Aussichtslosigkeit, selbst noch Regierende Bürgermeisterin zu werden, on the air ihre Niederlage einräumt und die Wähler nach ihrer Koalitionsaussage zugunsten der SPD nun wissen, woran sie sind, zeugt von einer politischen Klasse, die im Berliner Kasperltheater auch nicht mehr jeder hat.

Stockholm-Syndrom
15. Mai 2011

Veit Medicks Kommentar bei SpOn zu Steinbrücks möglicher Kanzlerkandidatur ist ein hübsches Beispiel dafür, wie sehr die Hauptstadtjournaille schon den Blickwinkel der Politik einnimmt und anders gar nicht mehr denken kann. Der Kommentator hat sicher Recht, dass es in unserem Parteiensystem nicht gut für einen Politiker ist, sich so selbst ins Spiel zu bringen wie Steinbrück das gerade tut. Aber falsch ist es deshalb nicht.

Im Gegenteil. Es ist doch erfrischend, wenn da einer kommt und – wenn auch durch die Blume – sagt, ich kann das und ich will das machen, und sich dabei nicht um irgendeine Parteiräson schert. Niemand will wirklich einen süffisant lächelnden Politiker sehen, der vor laufender Kamera schwurbelt, Kandidatur sei gerade kein Thema, während alle schon wissen, dass er es macht und es nur noch darum geht, sich von der Vollversammlung der KPDSU möglichst ohne Gegenstimmen nominieren zu lassen. Dass darauf Berlin-Journalisten nicht mehr kommen, ist jetzt aber keine wirkliche Überraschung.

Bunga Bunga
17. April 2011

Öffentlich-rechtliche Qualitätsjournalisten nutzen also Urban Dictionary. Anders lässt sich nicht erklären, dass Phoenix-Moderator Michael Sahr in einer Schalte zum Prozess gegen den italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi mit folgendem Satz brilliert:

[…] Zur Rede stehen ja diese sogenannten „Bunga Bunga“-Partys, also anale Massenvergewaltigung […]

Wollen wir zu Sahrs Gunsten mal annehmen, dass er sich das nicht selbst zusammengegoogelt hat, sondern ein überbezahlter „Redakteur“. Google liefert als erstes Suchergebnis für „Bunga Bunga“ einen Beitrag einer österreichischen „Community-Zeitung“, in dem zu lesen ist:

Das Online-Wörterbuch „Urban Dictionary“ liefert zwei Erklärungen dazu:

1.) Äußerst brutale Anal-Massenvergewaltigung. Angeblich bevorzugte Bestrafung bei einem fiktiven afrikanischen „Stamm“.

und liefert die englischsprachige Originalquelle gleich mit:

definition for „bunga-bunga“:

1) Savagely brutal anal gang-rape. Fabled punishment for trespassing on the tribal land of a fictitious African tribe.

Ich weiß nicht, ob es die „anale Massenvergewaltigung“ auf diesem Weg in Sahrs Moderation geschafft hat. Anders ist es aber nur schwer zu erklären, denn alles deutet auf die Urban Dictionary als Quelle.

Dass sich bei einem öffentlich-rechtlichen Qualitätsjournalisten noch nicht herumgesprochen hat, dass Urban Dictionary nicht sowas wie die Wikipedia ist und schon gar kein „Wörterbuch“ – geschenkt. Aber die „Quelle“ enthält so ein paar Signalwörter, an denen der öffentlich-rechtliche Qualitätsjournalist hätte hängenbleiben können – von „österreichisch“ und „Community-Zeitung“ will ich ja gar nicht erst anfangen: „angeblich“ und „fiktiv“ beziehungsweise in der englischen Fassung „fabled“ und „fictitious“. Und wenn sich der öffentlich-rechtliche Qualitätsjournalist oder die öffentlich-rechtliche Qualitätsjournalistin nicht selbst ganz so ernst nehmen (und zum Lachen ins Archiv gehen) würde, dann wäre vielleicht auch dieser Altherrenwitz bekannt, den Berlusconi offenbar so witzisch findet.

Aber wo das Phoenix-Team schon mal auf Urban Dictionary unterwegs ist, hier mein Tipp für die nächste knallharte Recherche: facepalm.

(Gesehen in der heute show. Und ich will gar nicht wissen, was das hier wieder für Referrer gibt.)

Hauptstadtjournaille
3. April 2011


(Video courtesy of Carta)

Über das Twittergate der sog. Hauptstadtjournalisten wurde ja schon allerhand geschrieben (auch bei Knüwer, Jak und Don). Kurzfassung: Große Empörung, weil sich Regierungssprecher Seibert (@RegSprecher) erdreistete, den USA-Besuch Merkels zu twittern, anstatt den Termin in einem versiegelten Umschlag der Bundespressekonferenz untertänigst persönlich zu überbringen.

Natürlich muss sich die Berliner Baggage jetzt jede Menge Spott anhören – wie doof und von gestern die sind, Internet nicht verstanden, Twitter schon gar nicht. Dabei ist diese lächerliche Erregung des Medien-Establishments vor allem Ausdruck einer tiefen Verunsicherung. Die Hauptstadt-Journaille, die sich selbst als die Elite ihrer Profession versteht, wird die narzisstische Kränkung durch dieses Internet nie verwinden.

Das Netz hat die alten Säcke von der Presse ihrer Deutungshoheit beraubt. Sie sind nicht mehr die Gatekeeper, die Agenda-Setter, die darüber entscheiden, was wichtig ist und worüber die Republik diskutiert. Denn es gibt da dieses neue Medium und auf einmal ist die Arbeit, der Spin, die eigene Agenda transparent und überprüfbar. Die eingebildete Wichtigkeit wird unterminiert. Plötzlich sieht man sich massiver Kritik ausgesetzt – unerhört, denn der Journalist sollte doch der Kritiker sein, der den Finger allwissend in die offene Wunde legt.

Aber anstatt das als Chance zu begreifen und die bundesrepublikanische Presse weiterzuentwickeln, übt sich das Medien-Establishment in Omertà. Im Hauptstadtjournalismus herrscht eine ausgeprägte Wagenburgmentalität. Wenn dann jemand wie der Regierungssprecher, den man bisher als Mitglied der ehrenwerten Familie betrachtet hat, von der Fahne geht, ist das natürlich besonders kränkend. They won’t ever get over themselves.

Restrisiko
16. März 2011

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll: In Japan entfaltet sich eine Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes und der deutsche Politbetrieb ist in einer selbstferenziellen Spirale gefangen. Die Bundesregierung zeigt hektischen Aktionismus, sie wird dafür von Opposition und Hauptstadtjournaille gleichermaßen scharf angegriffen. Zweifel an der rechtlichen Grundlage des Moratoriums werden vorgebracht. Darf die das? Wahrscheinlich nicht. Ein vom Bundestag beschlossenes Gesetz einfach per Ordre de Mufti auszusetzen ist in einer parlamentarischen Demokratie ein unerhörter Vorgang. Die Aufregung ist sicher berechtigt. Aber gibt es Alternativen? Ich mag mir die hyperventilierenden Grünen und Roten kaum vorstellen, hätte Merkel erstmal die Füße stillgehalten und erklärt, es gebe keinen unmittelbaren Handlungsbedarf.

Jetzt muss sich die Kanzlerin vorwerfen lassen, sie wolle sich mit dem Moratorium nur über die wichtigen Wahlen der nächsten Wochen retten. Dabei scheint die Opposition tatsächlich zu glauben, sie sei der billigen Taktiererei völlig unverdächtig. Es ist abstoßend, dass ein SPD-Chef am Samstag vor laufenden Kameras zum Innehalten mahnt, nur um am Tag später voll in den Wahlkampfmodus zu schalten. Das Dilemma: Ich ahne, dass die Vorwürfe von SPD und Grünen trotz ihrer erbärmlichen Scheinheiligkeit im Kern zutreffen könnten. Zumindest bei Mappus, dem seine geistige Wende nicht mal mehr die eigenen Wähler abnehmen dürften, und dessen politische Karriere nach dem 27. März hoffentlich zu Ende ist.

Noch schneller als der Politbetrieb drehen sich die Medien. (mehr …)

Glaubensfragen
12. Februar 2011

Ist das der Anfang einer Revolution?

„Ich glaube noch nicht. Das ist erst der Anfang, wir wissen noch nicht, wie das Ganze ausgeht. Erst wenn sich die Situation weiter hochschaukelt. Ich glaube nämlich nicht, dass diese jungen Demonstranten, viele Studenten sind dabei, das lange durchhalten werden. Es sei denn, die Proteste greifen auf andere Bevölkerungsteile über. […]

Ich muss ehrlich sagen, ich glaube nicht daran. Ich glaube nämlich, dass dieses System, so wie es sich derzeit darstellt, relativ reformunfähig ist. Ich hoffe, dass die Proteste bald abebben. Vielleicht wird es das eine oder andere Zugeständnis geben, aber ich glaube nicht, dass es hier durchgreifende demokratische Reformen gibt.“

(Dietmar Ossenberg, ZDF-Korrespondent in Kairo und Autor der ZDF-Reportage „Abenteuer Ägypten: Mit Dietmar Ossenberg unterwegs“, am 26. Januar 2011 im heute journal).

Am 11. Februar ist Mubarak zurückgetreten. In der ganzen Region Maghreb und Naher Osten gehen die Menschen auf die Straßen.

In Kolumnistan
16. Januar 2011

Doch, die meinen das ernst. Deutschlands Lightmedium macht auf Qualitätsjournalismus und beglückt uns mit neuen Kolumnisten. Erste Enttäuschung schon bei der Vorstellung der Mannschaft: Sascha Lobo ist dabei und darf natürlich aus dem Maschinenraum berichten. Weil der Sascha ist ja digitaler Bohemien und hatte seine erste E-Mail-Adresse schon 1999. Dass sich die alte Medien-Garde von einem wie Lobo vormachen lässt, er sei der netzmäßige Oberchecker, illustriert schön deren kapitales Missverständnis vonnet Janzen. Lobo allerdings lässt sich verschmerzen, wenn man sieht, wer noch dabei ist. Und damit meine ich nicht Jan Fleischhauer.

Die erste Woche ist rum, jeder durfte einmal ran, der erste Eindruck: Nun ja. Der Spiegel hatte zwei gute Ideen. Fleischhauer eine politische Kolumne zu geben und Sibylle Berg über irgendwas schreiben zu lassen. Dann ging es den Bach runter. Das Brainstorming in der Redaktion sah etwa so aus: „Lass den Jan doch wöchentlich über die Linken lästern“. – „Ich war neulich bei einer Lesung von der Berg, die könnten wir mal fragen.“ – „Lass sie uns doch beide bringen.“ Und dann hat ihn einer, den Geistesblitz: „Nee, wir machen eine tägliche Kolumne, sechs Tage die Woche, sechs Autoren zu sechs verschiedenen Themenbereichen.“

Diese großartige Idee hat nur einen Haken: Die Tage zwischen Montag, an dem Fleischhauer dran ist, und Frau Berg am Samstag wollen gefüllt werden. Lobo ist da fast zwangsläufig engere Wahl. Und weil jemand, der sich kompetent über die SPD lustig macht, in unserer sozialdemokratischgrünen Konsensgesellschaft schon als Rechtsaußen gilt, muss natürlich ein Gegenpol zu Fleischhauer her. Für den soll Millionen-Erbe Jakob Augstein mit „Im Zweifel links“ sorgen, der mit seinem ersten Beitrag aber höchstens Zweifel an seinem Geisteszustand schürt. Augsteins Debüt markiert den intellektuellen Tiefpunkt der Kolumnenwoche, was auch den Spiegel-Lesern nicht entgangen ist.

Spiegel-Mann Georg Diez ist „der Kritiker“ mit Mitte-Brille. Seine ansonsten wenig aufregende Eloge auf die „postmodernen Tragödien“ von Rene Pollesch verweist auf das Kernproblem des deutschen Subventionstheaters und des darum kreisenden Feuilletons: es ist von Gestern. Pollesch ist Neunziger und die Postmoderne auch nicht mehr lustig. Fehlt noch eine. Die Society-Schreibselette Steffi Kammerer hat der Spiegel kurz vor der Borderline eingefangen und lässt sie irgendwas über den Jetset schreiben. Fast hätte es niemand mitbekommen.