Im Newsroom
5. August 2012

Wie gerne hätte ich diese Serie gemocht. Jahrzehnte nach Lou Grant (und Jahre nach der 5. Staffel The Wire) mal wieder ein TV-Opus über die tägliche Nachrichtenproduktion. Für Journalisten ist das wie Porno: man muss einfach hingucken. Und weil wir alle mindestens ein bisschen narzisstisch gestört sind, ist es noch geiler, weil wir selbst drin vorkommen. Eine Serie über uns! Aber wie das mit Fickfilmen eben ist, es gibt gute und schlechte. Letztere törnen einen eher ab. Wie The Newsroom. (mehr …)

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Fuck you
18. Juni 2012


Fuck you, Uefa. And shame on you, ARD/ZDF. Der europäische Fußballverband schickt uns geschönte Bilder aus Polen und der Ukraine, damit auch nicht der kleinste Misston die schönen Spiele trüben möge. Die Uefa denkt sich, wenn wir schon in der Ukraine sind, können wir denen gleich mal zeigen, wie das geht mit der Macht der Bilder. Kein durchgeknallter Ost-Diktator nimmt es da mit Fußballfunktionären auf. Und unsere öffentlich-rechtlichen Qualitätsjournalisten jammern jetzt pro forma ein bisschen rum, lassen sich aber bei nächster Gelegenheit wieder von Verbandsmafiosi wie Platini und Blatter am Nasenring durch die Manege führen.

Nicht die kleinste Kleinigkeit soll das Fest der Nationen stören. Von den Femen-Girls, die sich vor den Stadien nackig machen und sich dafür von ukrainischen Junta-Schergen verprügeln lassen müssen, ganz zu schweigen. Ein völlig harmloses Plakat, ein Flitzer, ein paar Bengalos, von kroatischen Fans auf den dunkelhäutigen Italiener Bolatelli geworfene Bananen – all das will die Uefa nicht sehen, und da sie die Bilder selbst produziert und damit kontrolliert, sehen wir sie auch nicht. Lieber schneiden die Bildmanipulatoren putzige Inserts vom Nachmittag in die „Live“-Übetragung.

ARD und ZDF regen sich jetzt ein bisschen darüber auf, um nicht völlig ihr Gesicht zu verlieren. I got news for you: Die Uefa macht das, weil sie es kann. Weil ihr sie lasst. Weil ihr nie die Eier haben werdet, euch gegen die mächtigen Fußballverbände wirklich aufzulehnen. Boykott? Könnt ihr nicht, von wegen Informationsauftrag und so, wie praktisch. Ihr habt eigene Kameras im Stadion, mit denen ihr die schöne neue Fußballwelt etwas demaskieren könntet. Aber die braucht ihr ja, um Jogi beim Nasepopeln einzufangen. Und dann müsst ihr schnell zu Waldi nach Leipzig schalten, der mit Matze Knop die erste Strophe der Nationalhymne singt – ach nee, ‚tschuldigung, das war „Wir sind die Besten in Europa“.

Aber wir wollen Politik und Sport ja nicht vermengen, nicht wahr, Olli Kahn? Das geht ja nicht. Geht doch, muss sogar. Der Sport hat 1936 seine politische Unschuld verloren. Wenn man ein Ereignis wie die Europameisterschaft in der Ukraine abhält, erwarte ich mehr als den gelegentlich im Nebensatz eingeschobenen Hinweis auf die Menschenrechtssituation. Aber das würde die heiteren Spiele ja wirklich stören. Lieber witzeln sich unsere öffentlich-rechtlichen Qualitätsjournalisten routiniert durch ihre EM-Sendungen. Ich freue mich schon auf die WM in der Vorzeigedemokratie Katar.

Apocalypse
12. März 2011

Die ARD verzichtet auf den Jubiläumsstadl. Das alleine illustriert die Tragweite der Ereignisse in Japan – zumindest aus Sicht der öffentlich-rechtlichen Schranzen. Auch andere Sender schmeißen ihr Samstagabendprogramm um, zum Beispiel RTL2.

Das war auch besser so. Im Programmheft steht für heute John Lafias B-TV-Katastrophen-Machwerk 10.5 Apocalypse: Erdbeben, Wassermassen, Atomkraftwerke. Das war wohl selbst für die Zyniker beim Tittensender irgendwie nicht okay. Stattdessen läuft irgendeine Bollywood-Schmonzette mit Sharukh Khan.

Glaubensfragen
12. Februar 2011

Ist das der Anfang einer Revolution?

„Ich glaube noch nicht. Das ist erst der Anfang, wir wissen noch nicht, wie das Ganze ausgeht. Erst wenn sich die Situation weiter hochschaukelt. Ich glaube nämlich nicht, dass diese jungen Demonstranten, viele Studenten sind dabei, das lange durchhalten werden. Es sei denn, die Proteste greifen auf andere Bevölkerungsteile über. […]

Ich muss ehrlich sagen, ich glaube nicht daran. Ich glaube nämlich, dass dieses System, so wie es sich derzeit darstellt, relativ reformunfähig ist. Ich hoffe, dass die Proteste bald abebben. Vielleicht wird es das eine oder andere Zugeständnis geben, aber ich glaube nicht, dass es hier durchgreifende demokratische Reformen gibt.“

(Dietmar Ossenberg, ZDF-Korrespondent in Kairo und Autor der ZDF-Reportage „Abenteuer Ägypten: Mit Dietmar Ossenberg unterwegs“, am 26. Januar 2011 im heute journal).

Am 11. Februar ist Mubarak zurückgetreten. In der ganzen Region Maghreb und Naher Osten gehen die Menschen auf die Straßen.

Sportfernsehen
21. August 2010

Das Deutsche Sportfernsehen (DSF) heißt ja jetzt Sport1 und hat sich auch so ein total dynamisches On-Air-Design zugelegt, das total reinnervt. Als Zweitligist muss ich mich leider dran gewöhnen. Wenig gewöhnungsbedürftig fand ich die Zweitligaatmosphäre im Olympiastadion. Die war nämlich eher erstligareif. Kein Vergleich zu dem trostlosen Gekicke vor ein paar tausend Unentwegten, damals Mitte der 90er gegen die Spitzenteams aus Meppen, Wattenscheid oder Zwickau. 3:2 gegen Oberhausen vor 48.000 Fans ist doch schon mal ein Anfang.

Big Pharma
22. Mai 2010

Oliver Welkes Versuch einer News-Comedy à la Jon Stewart erfüllt meine Erwartungen ja leider meistens nicht. In der vergangenen Woche gab es allerdings eine Sternstunde deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens: Martin Sonneborn führt einen Pharma-Lobbyisten vor und entlockt ihm erstaunlich ehrliche Aussagen. Epic win, Pharma-Lobby owned.

Aber es gibt ein Nachspiel: Der Pharma-Lobbyist beschwert sich beim ZDF-Programmchef, und der macht den Kotau vor der Lobby und erteilt seiner Satire-Abteilung eine Rüge. Okay, die Scherzkekse haben nach journalistischen Maßstäben nicht ganz sauber gearbeitet. Aber müssen sie das? Ist ja schließlich Satire. Das ZDF hat halt keine Eier. Und scheint abgesehen davon keine Probleme damit zu haben, Lobby-Vertreter hübsch zu schneiden und ihnen auch sonst in den Arsch zu kriechen. Irgendwie müssen die ihre Prioritäten klar kriegen.

Während sich also der Geschäftsführer des Lobby-Vereins der Generika-Hersteller vor laufender Kamera zum Horst macht, steht im Hintergrund sein „Pressesprecher“ und gibt Kommentare ab. Der Mann hat eindeutig den falschen Job: Ein guter Presseheini schickt das Fernsehteam in dem Moment nach Hause, in dem Martin Sonneborn durch die Tür kommt. Aber der Lobby-Pressesprecher kannte den wohl nicht. Vielleicht hätten sie nicht einen Juristen für den Job nehmen sollen.

„Damn good coffee!“
9. April 2010

First aired April 8, 1990

Staatsfunk
28. November 2009

Roland Koch und seine Unions-Garde im Verwaltungsrat des ZDF haben sich durchgesetzt. Chefredakteur Nikolaus Brender ist abgesägt, Intendant Markus Schächter desavouiert. Im Blätterwald rauscht es gewaltig. Aber ich mache mir keine großen Hoffnungen, dass das Thema außerhalb der Media-Bubble auch nur einen Arsch wirklich interessiert. Und in den Blogs machen sie lustige Bildchen, wie das ZDF-Logo mit den Lettern „CDU“ zu vermählen. Schwarzfunk usw. Alles ganz nett, nur leider völlig am Thema vorbei.

Denn Koch ist ja nicht das Problem. Auch nicht Brender. Das Problem ist ein öffentlich-rechtliches System, das von den Parteien komplett abhängig ist. Mann muss dem sympathischen Volksvertreter aus Hessen dankbar sein, dass er den Finger in die Wunde gelegt hat. Dass er uns mal gezeigt hat, wie weit es mit der Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland ist.

Die Mahnrufe, die jetzt aus den Reihen der Sozialdemokraten ertönen, sind reine Heuchelei. SPD-Leute in den „Freundeskreisen“ halten es normalerweise genauso wie der Hessen-Berlusconi, nur nicht so offensichtlich. Die Proporz-Bestellung von öffentlich-rechtlichen Pöstchen hat schon DDR-Format. Das Problem ist ja auch nicht auf das ZDF beschränkt. Beim Hessischen Rundfunk durften sie nicht über die Causa Brender berichten, schreibt der Spiegel. Da lässt sich ein Anstaltssprecher dann folgendermaßen zitieren:

[…] der HR-Intendant habe davon gesprochen, dass es bei medienpolitischen Themen „im Hessischen Rundfunk wie in allen ARD-Anstalten“ einen Genehmigungsvorbehalt gebe. […] Es gebe folglich keineswegs ein Berichterstattungsverbot. Es sei eben nur in einigen Fällen keine Erlaubnis erteilt worden.

Das hätte ein Sprecher des ZK der SED nicht schöner sagen können.

Brender
26. November 2009

Für Nikolaus Brender geht es am Freitag um seinen Job. Der Verwaltungsrat des ZDF entscheidet dann darüber, ob Brenders Vertrag als Chefredakteur des Senders verlängert werden soll. Im öffentlich-rechtlichen Universum ist das ein ganz normaler Vorgang. Zum Aufreger wurde die Personalie durch den Versuch der Union, den unliebsamen Journalisten abzusägen. Hessens Ministerpräsident Roland Koch, Mitglied des Verwaltungsrates, gilt als treibende Kraft, darf sich aber offenbar der Rückendeckung von höchster Stelle sicher sein.

Die Causa Brender geistert nun schon eine Weile durch die Gazetten. Je näher die Sitzung des ZDF-Kontrollgremiums rückt, desto stärker schwillt die öffentliche Erregungswelle an. Jüngster Höhepunkt waren die Kassandrarufe renommierter Juristen in der FAS, und jetzt sortieren sich auch noch ein paar B-Blogger in die Reihe der öffentlichkeitswirksamen Bedenkenträger ein, gleich hinter Ulrich Wickert, der auch die Pressefreiheit in Gefahr sieht.

Sie alle haben Recht, natürlich ist so ein Frontalangriff der Politik (auch die SPD kann das) auf die Integrität eines öffentlich-rechtlichen Chefredakteurs abzulehnen. Die Bewahrer der freien Medien sollten aber nicht den Fehler machen zu glauben, mit Brender wird alles gut – so toll ist er nun auch wieder nicht. Denn das Problem ist nicht gelöst, wenn sich der ZDF-Chef behaupten kann. Es liegt in der öffentlich-rechtlichen Struktur: Ein System, in dem ein von den Parteien kontrolliertes Gremium über das Schicksal eines Chefredakteurs entscheidet, ist eine Travestie. Unabhängigkeit ist hier nur eine billige Illusion.

Das Problem ist nicht, dass Koch versucht, Brender abzusägen. Das Problem ist, dass er es kann.

Siehe auch: Meedia. Niggemeier. Berliner Zeitung.

Tweeting Politics
2. September 2009

Im ZDF heute journal heute abend wieder bitchy Berichterstattung gegen Wahlprognosen über Twitter. Jeez. Wo war jetzt nochmal genau das Problem? Ich glaube nicht, das ein paar getwitterte Prozentzahlen die Wahl in letzter Minute noch zu Gunsten der Sozialdemokraten kippen können. Aber darum geht es bei dem ganzen Gezeter auch nicht.

Es geht um die Informationshoheit. ZDF-Chef Brender lässt sich stellvertretend für alle sogenannten Qualitätsjournalisten zu einer persönlichen Suada herab, weil vor allem die Öffentlich-Rechtlichen um ihre exklusive Gatekeeper-Funktion fürchten. Und die Politiker haben vor nichts mehr Angst, als dann in der Elefantenrunde nicht das erste Wort zu haben und damit ihre Interpretation, ihren Spin durchzudrücken.

Wo kämen wir denn da hin.